Dao De Ching
老子,「道德經」(ru) Þëèÿ Ïîëåæàåâà
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Miao De Ching
Dao De Miao
1 (1-30 de )
Was sich sagen lässt, ist nicht das Wahre
Was benannt wird, ist nicht das Eine
Namenlos ist der Ursprung
von Himmel und Erde
Benannt ist die Mutter
aller Dinge
Beides entspringt derselben Wurzel
doch trägt ein anderes Gesicht
Gemeinsam nennen wir es tief
Tiefer noch:
das Tor zum Wunder
Im Freisein von Begehren
enthüllt sich das Wesen
Wer begehrt
sieht nur die Formen
Formen wechseln
Das Wesen bleibt
Der Weg vom Wort
zur Sache selbst
ist der Weg des Dao
2
Gut und schlecht
entstehen durch Benennung
Indem wir etwas nennen
geben wir ihm Maß und Grenze
Schönes gibt es nur
wo Hässliches mitgedacht ist
Leben verstehen wir
erst am Nicht-Leben.
Lang und kurz
erscheinen nur im Verhältnis
Tief wird erkannt
indem Hoches entsteht
Ein Ton braucht den andern
damit Klang wird
So folgen einander
Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit
Darum wirkt der Weise
durch Nicht-Tun
Er lehrt ohne Worte
und ordnet ohne Zwang
Er schafft
und hält nicht fest
Er setzt Bewegung frei
immer wieder
ohne sich einzumischen.
Wandlung geschieht
ohne Mühe
Vollendung tritt ein
ohne Stolz
So verliert er
weder Achtung
noch Liebe
3
Würde Wissen nicht geehrt
entstünde kein Wettstreit ums Recht
Würden Kostbarkeiten nicht reizen
gäbe es keinen Diebstahl
Wäre kein begehrtes Objekt
vor aller Augen
was könnte die Herzen beunruhigen?
Darum ordnet der Weise
ohne zu verhärten
Er sorgt für Nahrung und Kleidung
und entzieht dem Begehren den Boden
Er dämpft Ziele
kühlt die Leidenschaften
schwächt den Zwang des Wollens
Wer weiß
missbrauche das Wissen nicht gegen das Volk
Denn nur Nicht-Eingreifen
bewahrt die Ruhe
4
Das Dao lässt sich kaum bestimmen
Ohne Körper
ist es Ursprung aller Dinge
Leer —
und wirkt doch unerschöpflich
Formlos —
und birgt doch alle Form
Tief —
und Ursache aller Erscheinung
Nichts lässt sich ihm gleichstellen
Alles Seiende
ist Staub neben ihm
Sein Leuchten
seine Klarheit
seine Erschütterung
gleichen nur dem Chaos
Es geht allem Anfang voraus
Wer es schuf —
ich weiß es nicht
5
Himmel und Erde
kennen kein Mitleid
Natur folgt keinem menschlichen Maß
Sie ändert ihren Lauf nicht
aus Schonung
für Leidende
So geht auch der Weise
mit der Natur
und achtet das natürliche Leben des Volkes
ohne sich auf Menschlichkeit zu berufen
Manches wirkt nur durch Leere
Eine Flöte
Ein Blasebalg
Je größer die Leere
desto freier die Bewegung
Je mehr Bewegung
desto größer der Nutzen
So ist auch der Raum
zwischen Himmel und Erde:
wunderbar
durch seine Leere
Darüber zu reden
ist müßig
Maß zu halten
ist in allem nützlich
6
Wer den Ursprung von Himmel und Erde sucht
stößt auf ein Tor –
den Grund des Seins
Tief im Tor
liegen die Wurzeln des ersten Werdens
Jenseits des Tores:
Nichts
Das Tor ist der Übergang
vom »Vielleicht« zum »Es ist«
ein zeitloser, unaufhörlicher Akt des Entstehens
Aus dem Nichts
ergießt sich grenzenlose Vielfalt der Anwendung
ein Wirken
wie ein Faden
der sich zieht
und niemals reißt
7
Weil Himmel und Erde
sich nicht um sich selbst sorgen
währt ihre Zeit ohne Ende
So handelt auch der Weise:
Wer sein Leben nicht festhält
lebt länger
Wer zuletzt gehen will
geht voran
Wer Verlust nicht fürchtet
findet Glück
Wer nicht an sich haftet
dem bleibt das Glück treu
8
Wasser ist das höchste Gleichnis der Würde
Es nützt allen
und sucht die Stille
Es streitet nicht um Rang oder Ehre
und verweilt gern dort
wo niemand sein will
Sieh ins Wasser –
du erkennst dein Gesicht
Sein Fließen
gleicht dem Strom des Dao
So folgt der Weise
dem Wunsch seines Herzens:
freundlich zu allen
wohnend in Einfachheit
Wahrhaftig im Wort
ruhig im Lenken
entscheidend zur rechten Zeit
nehmend nur, was seiner Kraft entspricht
Nachgiebig wie Wasser
dem Schweigen zugewandt –
so gehen Irrtum und Unheil
an ihm vorüber
9
Wisse, wann es genug ist
Kein Gefäß
lässt sich über den Rand füllen
Übermaß an Reichtum
lässt sich nicht bewahren
Eine allzu scharfe Klinge
stumpft schnell ab
Maßlose Eitelkeit
in Besitz oder Rang
ruft Unheil ins Haus
Gehen zu können
wenn das Werk vollendet ist –
das ist
das Gesetz des natürlichen Weges
10
Wenn du mit dir selbst in Einklang bist
mit Leib und Seele
und die Einheit nicht verlierst
wenn du im Stillen des Atems
wieder wirst wie ein Neugeborenes
wenn du dein Schauen klärst
und frei wirst von Verirrung
wenn du die Menschen schlicht liebst
und, an der Spitze deines Landes
ohne List regierst
wenn du wie die ewige Mutter
Leben gibst und Tod
ohne Anhaften
wenn du die Welt umfassen kannst
ohne dich zu verlieren –
dann nähre und lehre
sorge und gebäre
erschaffe, ohne zu besitzen
Handle, ohne Lohn zu erwarten
Führe, ohne Herrschaft zu beanspruchen
So erkennst du
die Gnade des De
11
Was nützt ein Rad
ohne das Loch für die Achse?
Der Krug ist aus Ton
doch brauchbar ist seine Leere
Je größer der Raum im Haus
desto freier und angenehmer das Wohnen
So erschafft die Leere den Nutzen
und das Gefüllte schafft Besitz und Ertrag
12
Zu viele Farben schwächen die Augen
Zu laute Klänge betäuben das Ohr
Zu viele Geschmäcke stumpfen das Fühlen ab
Das Herz mit Vergnügen zu reizen
ist eine leere Mühe
Übermäßige Begierden
stören das ruhige Leben
Aus Schätzen entstehen die meisten Verbrechen
Der Weise bleibt von Schmuck unberührt
Er denkt lieber an Nahrung
13
Lob und Tadel
beunruhigen gleichermaßen
Je mehr du dich selbst bewertest
desto größer wird deine Angst
Du fürchtest den Verlust deines Namens
und fürchtest Menschen, wenn du fällst
Wer sich selbst wenig Gewicht gibt
den berühren fremde Meinungen kaum
Wer sich über die Welt erhebt
macht sich nur abhängiger von ihr
Wer jedoch sein Leben
dem Dienst an anderen widmet
gewinnt die Welt
durch Vertrauen und Liebe
Denn die Welt überlässt sich dem
der sich nicht von ihr trennt
14
Die Sinne setzen Grenzen
in der Erkenntnis des Dao:
Es ist nicht hörbar –
jenseits des Klangs
Nicht sichtbar –
jenseits des Sehens
Nicht tastbar –
jenseits der Berührung
Eins
nicht zu definieren
durch Lehre oder Wissenschaft
Sein Aufstieg bringt kein Licht
sein Fall keine Dunkelheit
Das Namenlose ist beständig
und kehrt immer wieder ins Nichtsein zurück
Form ohne Form
Bild ohne Inhalt –
unklar, verschwommen
alle Namen sind hilflos
Wer vor ihm steht, sieht kein Gesicht
Wer ihm folgt, findet keine Spur
Sein Gesetz verbindet alle Zeiten
Wer ihm folgt
versteht die Gegenwart
und erkennt den Ursprung der Welt
Dieses Gesetz
heißt der ewige Faden des Dao
15
Die Menschen des alten Dao
drangen so tief
in das Wesen der Dinge ein
dass Unkundige sie kaum verstehen konnten
Darum beschreibe ich nur ihr Verhalten
das ihren Blick auf die Welt zeigte:
Vorsichtig wie jemand
der über Eis einen Fluss überquert
Wachsam
als stünde ein Angriff bevor
Einfach wie unbearbeitetes Holz
Höflich wie ein Gast
Zart wie Eis im Frühling
Achtsam wie ein Haus
das einen Geliebten erwartet
Undurchdringlich
wie Schlamm, der vom Berg herabstürzt
Unverstanden von anderen
doch fähig, Unklares zu klären
Im Nicht-Handeln verweilend
führten sie andere zum Gelingen
Fest im Dao
maßvoll in Wünschen
zufrieden mit Wenigem
Sie lebten im Frieden mit Armut
und strebten nicht danach
Neues zu erschaffen
16
Bewahre das Bewusstsein
in vollkommener Ruhe
so gelange ich
an die Grenze der Leere
Wortlos beobachte ich
wie die Dinge
im Aufbruch des Lebens erblühen
und langsam
zu ihrem Ursprung zurückkehren
Zur Ruhe
Zur Leere
So ist das Los von allem
Dieser ewige Kreislauf
heißt Beständigkeit
Sie zu erkennen
ist Erleuchtung
Sie zu missachten
führt ins Dunkel
Wer die Beständigkeit annimmt
erkennt darin
die Gerechtigkeit der Natur
Dieses Gesetz
das die Welt lenkt
ist das Einzige
was nicht vergeht:
Ohne Körper
dem Tod bestimmt
dauert das Dasein des Dao
ohne Ende
17
Nicht vertrauenswürdig ist
wer dem Volk nicht vertraut
Er regiert am schlechtesten
und alle verachten ihn
Ein wenig besser
ist, wer durch Furcht regiert
Mehr erreicht
wer mit Liebe
und Achtung führt
Doch der beste Herrscher
ist kaum bekannt
Er hält keine Reden
er zeigt sich nicht
Ist das Werk vollbracht
das Ziel erreicht
sagen die Menschen nur:
„Es geschah von selbst“
18
Wenn der Mensch
den Dao-Weg in sich verliert
erzwingt die Gesellschaft
Gesetz und Ordnung von außen
Kann einer nicht mehr
nach seinem Gewissen leben
tritt ihm Pflicht entgegen:
zivil und familiär
Wo der schlaue Verstand
Prinzipien erfindet
entstehen Heuchelei
und Widerstand
In Familien voller Streit
spricht man oft von Pflicht
In Ländern ohne Ordnung
fordert man Loyalität
und Gesetzestreue
19
Gäbe es
keine Gelehrsamkeit
kein Wissen
wären die Menschen
hundertfach glücklicher
Gäbe es
keine Spezialisten
und keine Händler des Profits
gäbe es
keinen Boden für Verbrechen
Gäbe es
keine Moralgesetze
und auferlegten Normen
kehrten die Menschen zurück
zur Harmonie der Familie
All dies sagt nur eines:
Für den Weisen
ist Einfachheit der rechte Weg
Unbehauenes Holz
Ungefärbtes Tuch
Ego loslassen
Begehren aufgeben
20
Zu allen Zeiten
leidet der Weise
an der Weisheit
Ist der Schritt
zwischen Achtung und Verachtung
wirklich so groß?
Ist der Unterschied
zwischen Gut und Böse
so klar?
Wer Furcht erzeugt
lebt selbst in Angst
Allein
mitten im Fest
wandle ich ziellos umher
nehme Eindrücke auf
zerstreut
Wie ein Neugeborenes
blicke ich staunend in die Welt
ohne zu suchen
ohne Erwartung
Wo ist das Haus
in dem ich Frieden finde?
Ich hoffe kaum
ihm je nahezukommen
Hilflos treibe ich
wie ein kleines Blatt
im Strom
Wohlstand zu sichern
ist aller Ziel
Ich allein
bleibe abseits
Töricht!
Ich habe nichts vorzuweisen
Man hält mich für einfältig
Die anderen
haben zu allem Meinungen
sind sicher
ohne Zweifel
Nur ich
wandle im Dunkel
Tag und Nacht
Unwissend von Kindheit an
verstehe ich nicht
was allen klar ist
Wie träumend
liege ich
auf dem Grund
des Meeres des Lebens
Alle Menschen
glänzen vor Fähigkeiten,
streben nach Ziel und Erfolg
Nur ich
ziellos wie eine Welle
nutzlos schwankend
Ich teile
die gewöhnlichen Geschäfte der Welt nicht
Ich nähre mich allein
an der Brust
der Mutter Natur
21
Das Dao setzt die Grenze des De
Aus dem Dao geht De hervor
und folgt ihm zurück
Das Dao selbst
ist dunkel und wundersam
und auch in seinem Wirken
liegt das Wunder
Unklar und unbestimmt —
doch in seiner Tiefe
verbergen sich die Bilder aller Dinge
Dunkel und verhüllt —
doch in seiner Verborgenheit
ist der Sinn des Lebens bewahrt
Unfassbar und schwarz —
doch in dieser Nacht
liegen die Keime des Seins
Ein möglicher Funke der Wirklichkeit
In ihm hat alles Natürliche
seine Deutung
Von der Ferne der Zeit
bis in unsere Tage
versuchte man, es zu erklären
ihm einen Namen zu geben
es verständlicher, weniger fremd zu machen —
als Werkzeug des Erkennens
für den Ursprung aller Dinge
Woher weiß ich
dass es so ist?
Aus diesem selbst
22
Das Unvollkommene
bewahrt den Keim der Vollendung
Das Krumme
wird gerade
Nur das Leere
kann gefüllt werden
Das Alte
öffnet den Weg zur Erneuerung
Mangel
trägt die Möglichkeit des Gewinns
Überfluss
trägt die Nähe des Verlustes
So vereinen sich Gegensätze
zu einem Ganzen
Dieses Bild
nimmt der Weise
als Maß seines Handelns
Er stellt sich nicht zur Schau —
und ist doch sichtbar
Er beharrt nicht —
und ist im Recht
Er rühmt sich nicht —
und sein Weg wird Vorbild
Er empfängt Macht —
und ist nicht stolz
Er streitet nicht —
darum gibt es keinen
der ihn verdrängen könnte
Ist also das alte Wort nicht wahr:
Das Unvollkommene
bewahrt das Vollkommene?
Nimm die Wandlung an
als Rückkehr
zu deiner Vollendung
23
Ein Morgensturm
währt nicht lange
Ein starker Regen
hört bald auf
So spricht die Natur
mit sparsamen Worten
Was dann vom Menschen
der sich nicht einmal bemüht
ihr gleichzukommen?
Sollte er nicht
seine Worte hüten
und über das Wesentliche
wenig sagen?
Wer sein Leben
als Dienst am Dao begreift
steht fest auf dem Weg —
und der Weg bestätigt ihn
Wer sein Leben
als Dienst am De versteht
wird selbst zur Tugend —
und begegnet der Freude
Wer das Leben
als Weg des Verlustes sieht
trägt die Schuld am Verlust
selbst
und findet keinen Ausweg
So heißt es seit alten Zeiten:
Jedem wird gegeben
nach seinem Vertrauen
24
Wer auf den Zehen steht
steht nicht fest
Wer zu große Schritte macht
kommt nicht weit
Wer sich zur Schau stellt
findet keine Anerkennung
Wer sich selbst lobt
erlangt keinen Ruhm
Wer angreift
erreicht keinen Erfolg
Wer stolz ist
führt niemanden
Alles Lebendige
meidet das Überflüssige
und die Unruhe
Willst du im Einklang
mit dem Dao leben —
so meide auch du sie
25
Es gibt etwas
ungeformt und vollkommen
geboren vor Himmel und Erde
Still
Leer
Allein
Es steht für sich
und verändert sich nicht
Es bewegt sich unaufhörlich
und verliert nichts
Es durchdringt alle Dinge
und gebiert alles Seiende
Seinen Namen kenne ich nicht
Ich bezeichne es mit dem Zeichen: Dao
Muss ich ihm einen Namen geben
nenne ich es: das Große
Groß sein heißt:
fern sein
Fern sein heißt:
zurückkehren
Das Große kehrt zurück —
und entzieht sich erneut dem Verstehen
Wie könnte also
ein kleines erkennendes Wesen
das Unermessliche ganz begreifen?
Darum heißt es:
Dao ist groß
Der Himmel ist groß
Die Erde ist groß
Auch der Mensch ist groß
Vier Große gibt es im All
Und der Mensch ist einer von ihnen
Der Mensch folgt der Erde
Die Erde folgt dem Himmel
Der Himmel folgt dem Dao
Das Dao folgt sich selbst
26
Das Schwere
ist die Wurzel des Leichten
Die Ruhe
ist Herrin der Bewegung
Darum verliert der Weise
auch wenn er Wunder auf dem Weg erblickt
sein Gepäck nicht aus den Augen
Kein prachtvoller Anblick
verführt ihn dazu
die Last abzuwerfen
und vorauszueilen
So soll auch der Herrscher bedenken:
Geringschätzung des Volkes
führt zum Scheitern
Die Ruhe des Volkes
ist die Wurzel starker Herrschaft
Wohin will ein Herrscher gehen
wenn er sich von der Wurzel trennt?
Wer Siege und Erfolge
nur für sich sammelt
entleert ihren Sinn
In leerer Hast
verliert man leicht die Macht
27
Der beste Wanderer
hinterlässt keine Spuren
Der beste Sprecher
erklärt sich nicht
Der vollkommene Plan
hat keinen Plan
Wenn der Weise verbindet
gebraucht er kein Seil —
und doch lässt sich die Bindung
in tausend Jahren nicht lösen
Wenn der Weise Türen schließt
braucht er kein Schloss —
und kein Schlüssel vermag sie zu öffnen
Darum lebt der Weise
mit offenen Türen
Er begegnet allen
mit Vertrauen und offenem Herzen
Wer auch kommt
findet keine Abweisung:
ob Mensch in Not oder im Zweifel
ob Wesen oder Tier —
niemand geht ohne Hilfe fort
So lehrt er jene
die lernen wollen
und gewinnt dabei selbst
Freude und Achtung
Doch bindet er sich nicht
an seine Schüler
und auch der Schüler
soll dem Lehrer
nicht zu viel Verehrung geben
Denn Wissen ohne Irrtum
ist eine reiche Quelle
der Verstrickung und Torheit
Dies als Wahrheit zu erkennen
genügt
28
Wer das Männliche kennt
das Weibliche aber bewahrt
wird zum Tal der Welt
Als Tal der Welt
verlässt ihn die Kraft des Dao nicht
und er kehrt zurück
zum Zustand des Neugeborenen
Wer das Helle kennt
das Dunkle aber bewahrt
wird zum Maß der Welt
Als Maß der Welt
weicht er nicht vom Dao ab
und kehrt zurück
zur ursprünglichen Einfachheit
Wer Ruhm kennt
die Niedrigkeit aber bewahrt
wird zum Grund der Welt
Als Grund der Welt
ist seine Tugend vollkommen
und er kehrt zurück
zum ungeformten Holz
Das ungeformte Holz
lässt sich teilen
und wird zu Werkzeugen
Der Weise gebraucht sie
ohne zu zerschneiden
Darum bleibt das Große
ungespalten
29
Die Welt ist ein heiliges Gefäß
Man kann sie nicht ergreifen
Wer sie ergreifen will
verdirbt sie
Wer sie festhalten will
verliert sie
Denn manches geht voran
manches folgt
Manches ist stark
manches schwach
Manches wird aufgebaut
manches zerfällt
Darum meidet der Weise
das Zuviel
das Zuvor
das Extreme
30
Wer Herrscher berät
im Sinne des Dao
rät nicht zum Gebrauch von Gewalt
Denn Gewalt
kehrt immer zurück
Wo Heere lagerten
wächst Dornenkraut
Auf Kriegszüge
folgen Jahre
von Hunger und Elend
Darum siegt der Weise
nur aus Notwendigkeit
Er erreicht sein Ziel
und geht nicht weiter
Er siegt
ohne Stolz
Er siegt
ohne Ruhm
Er siegt
ohne sich zu rühmen
Er siegt
weil er nicht anders kann
Wer durch Gewalt erstarkt
verliert früh seine Kraft
Dies widerspricht dem Dao —
und was dem Dao widerspricht
endet bald
31
Die Waffe des Krieges – welch unheilvolles Zeichen
sie gebiert Furcht und Hass in den Menschen
Sie ist der rechten Hand zugeordnet –
wer das Dao versteht, hasst es, eine Waffe zu halten
Im Frieden gibt der Weise dem Herrscher Rat
mit der linken Hand die Ruhe zu bewahren
Doch wenn der Feind sich naht in dunklen Tagen
darf er der rechten Hand die Macht gewähren
Im Frieden ehrt man die Linke
im Kampf die Rechte
Die Linke mahnt an gute, friedliche Tage
die Rechte ist ein Zeichen dunkler Vorahnung
Die Waffe des Krieges – welch unheilvolles Zeichen!
Der weise Herrscher greift zu ihr
nur im äußersten Fall, wenn es keine Wahl gibt
Bewahrt er seine Fassung, siegt er
doch ohne Freude, ohne Feier
Wer könnte Grund zum Feiern sehn
in dem, was Tod und Leid gebracht?
Wer Siege feiert, findet kein Verständnis
beim Volk, das seine Toten beklagt
Wenn der Herrscher die Siegesparade hält
stehen die hohen Offiziere rechts
die niederen Ränge links
Diese Verteilung der Ehrenplätze
gleicht der des Trauerrituals:
Denn die Opfer des Krieges rufen nur Schmerz und Bitterkeit hervor –
die Sieger stehen wie bei einer Totenwache
32
Das Dao gleicht dem natürlichen, ungeteilten Holz –
unbenennbar, unzerteilbar in seinem Wesen
Denn selbst in seiner kleinsten Erscheinung
steht es nicht in Unterordnung zum Ganzen
es ist sich selbst gleich, in nichts geringer
Könnte man dieses Prinzip statt aller Herrschaft
in der menschlichen Gesellschaft verwirklichen
dann bräuchte es keinen Zwang mehr:
Jeder sähe des Anderen Nutzen als den eigenen
das Volk fände Glück in der Selbstbestimmung
Nicht Reis, sondern Honigtau würde man von den Feldern sammeln
Himmel und Erde verschmölzen in ekstatischer Vereinigung...
Doch ach, dieser Traum ist schön – und bleibt vergebens
Die Menschen haben eine andere Ordnung angenommen
deren Grundlage die Unterscheidung ist
die Trennung von Eigenschaften und Merkmalen
und deren Krönung die Namen sind
Alles trägt seinen Namen mit seiner Definition
steht in Beziehung und Vergleich zu anderem –
wie zwischen polierten, lackierten Holzstücken
die zur Zierde dienen
sieht man nun die Unterschiede der Wesenheiten
Das Benennen und Unterscheiden
ist den Menschen im Alltag nützlich
und für ihre Praxis wichtig
Doch es droht die Gefahr, das Gefühl der Einheit zu verlieren
Darum ist es gut, die Grenzen im Erfinden neuer Worte zu kennen:
Alles, was in Worten verschieden scheint, ist im Wesentlichen Eines
Verschiedene Flüsse fließen getrennt in ihren Tälern –
doch folgst du ihrem Lauf bis zum Meer
erkennst du, dass es in Wirklichkeit keine Trennung gibt
sondern nur ein einziges Wasser
So ist auch das Dao – in unzähligen Erscheinungen bleibt es
für immer das Eine, Ganze
33
Kennst du die geheime Saite in der Seele des anderen – bist du weise
Verstehst du die dunklen Seiten deines Herzens – bist du erleuchtet
Kennst du den Geschmack des Sieges – bist du ein starker Held
Doch doppelt stark bist du, wenn du dich selbst besiegen kannst
Bist du zufrieden mit dir und deinem Los – bist du reich
Doch stärke deinen Geist, dass er standhalte für neue Erfolge
Verlierst du dein Ziel nicht auf langem Weg –
so werden auch deine Jahre lang sein
Und stirbst du, doch bleibst du nicht vergessen –
so bleibt nicht dein Leib, doch deine Seele für Jahrtausende
34
Dem Fluss gleich, der sich über die Ufer ergießt
ist das Dao – keine Grenzen, keine Richtung
kein Links und kein Rechts
Die zehntausend Wesen, die nicht einmal wissen, dass es existiert
sie werden aus ihm geboren und kehren zu ihm zurück
Es erschafft alles Lebendige und Leblose
erwartet nichts dafür zurück
Es nährt die Welt mit schöpferischer Kraft
ohne jemanden zur Unterwerfung zu zwingen
Es hat keinen eigenen Willen, keine Selbstsucht –
was im öffentlichen Bewusstsein oft
als Bedeutungslosigkeit oder Armut gilt
Doch sein Antlitz ist arglos
Das Dao umfängt die ganze Welt
nimmt alle auf, ohne jemanden abzuweisen
Es denkt nicht an sich als den großen Herrn –
und gibt uns so ein Beispiel wahrer Größe
35
Dem Dao folgen, Unheil vermeiden –
alles bewegt sich ewig in der Suche nach Frieden
Doch wo der Reisende Speise und Freude findet
dort hält er unwillkürlich inne
Zwar ist das Dao selbst keine Speise
und mit Geschmack, Aussehen oder Klang nicht zu fassen
Doch wer lernt, aus ihm Freude zu schöpfen
dem wird diese Quelle nie versiegen
36
Was du zusammendrücken willst, musst du zuvor ausdehnen
Was du schwächen willst, lass zuvor an Stärke gewinnen
Was du beseitigen willst, lass zuvor erblühen
Was du dir nehmen willst, gib es zuvor als Geschenk
Das ist die Weisheit, durch die die Schwäche
jede Stärke überwinden kann
Wie der Fisch die Tiefe des Wassers nicht verlassen darf
so darf der Staat seine Mittel nicht vor dem Volk offenbaren
37
Das Dao verharrt ewig im Nicht-Tun
doch nichts bleibt bei ihm ungetan
Könnten die Herrscher ebenso handeln
dann würde die Welt von selbst erblühen, wie es sein soll
Doch wenn jemand unzufrieden ist mit dem natürlichen Wandel
und in seinem Ehrgeiz auf überflüssigen Zusätzen besteht –
dann muss man dieses Streben unterbinden
und ihn zur schlichten Natürlichkeit zurückrufen
Die Natur ist namenlos und leidet nicht unter Begehren –
darum erreicht sie die vollkommene Stille
In der Abwesenheit persönlicher Wünsche
führt der wunderbare Weg zur Ruhe
Dann stellt sich von selbst die Ordnung ein
unter dem Himmel auf Erden
38
Je wahrhafter die guten Eigenschaften
desto weniger streben sie nach Erscheinung
Umso höher ist die Sittlichkeit
je weniger sie sich in absichtsvoller Geschäftigkeit zeigt
Aus diesen Überlegungen können wir
die uns bekannten Tugenden vergleichen:
Der Träger der höchsten Tugend (De) handelt nicht absichtlich –
er hat keine Ziele, tut nichts
und doch lässt er nichts Notwendiges ungetan
Die hohe Menschenliebe (Ren) handelt nach des Herzens Ruf –
und rechnet nicht mit menschlichem Dank
Das Streben nach «Gerechtigkeit» ist erfüllt vom Verlangen,
alles so einzurichten, dass es ihr entspricht
Die «Sitte» treibt alles Handeln in den Rahmen von Ritualen
und zwingt jene, die nicht freiwillig folgen
So sehen wir: Mit dem Verlust des Dao
bleibt uns die Tugend (De)
Mit dem Verlust der Tugend
bleibt die Hoffnung auf Menschlichkeit
Mit dem Verlust der Menschlichkeit
wird überall noch das Gesetz befolgt
Mit dem Verlust des Gesetzes
bleibt nur noch das Zeremoniell
Doch das Ritual ist die leere Hülle des Glaubens
Wenn die Idee zur bloßen Blüte entartet
ist das der Anfang von Unwissenheit und Torheit
und das Vorzeichen naher Verwirrung
Darum wählt der Weise nicht die Hülle, sondern den Inhalt
Er bevorzugt nicht die Blüten, sondern die Früchte
39
Alles, was seit jeher besteht, strebt nach Ganzheit:
Der Himmel strebt nach Reinheit und Leere
die Erde nach Stabilität und Festigkeit
das Wasser fließt und füllt die Adern der Ströme
und jedes Lebewesen müht sich, neue Generationen hervorzubringen
Auch der Herrscher bewahrt die Ganzheit des Staates
indem er dem Volk ein Beispiel vollkommener Eigenschaften gibt
Der Verlust der Ganzheit aber führt stets zur Gefahr:
So zerreißt die Gewitterwolke den Himmel in Stücke
so kann die Erde im Erdbeben zerbersten
so versiegen die Flussbetten in der Wüste
so verschwindet jede Art, wenn sie nicht neues Leben zeugt
Wenn der Herrscher dem Volk nicht auf sittlicher Höhe erscheint
dann ist seine Herrschaft in Gefahr zu stürzen
Denn das Niedrige ist stets die Grundlage des Hohen –
der Halt des Volkes stärkt jede Obrigkeit
Hat der Herrscher nicht Grund, sein Volk zu achten?
Wenn der Herrscher sich selbst «nichtig» und «arm» nennt
so sucht er vielleicht auf diese Weise
Unterstützung und Mitgefühl beim Volk
Doch das ist ein falscher Weg, der ihn eher in Gefahr bringt
seine Würde vor den Augen des Volkes zu verlieren
Bedenke: Wenn du den Wagen zerlegst
kannst du auf den Einzelteilen nicht fahren
Denn jedes Ding ist nur in seiner Ganzheit nützlich
mit dem richtigen Verhältnis seiner Teile
Darum: Falle nicht in den Fallstrick der Selbstüberhebung
halte dich nicht für kostbaren Jade
Doch halte dich auch nicht für wertlosen Kieselstein
40
Die Bewegung des Dao kommt aus der Verneinung
In der Schwäche liegt der Motor des Kreislaufs
Aller Dinge Entstehung kommt aus dem Sein
doch die Erscheinung des Seins selbst
kommt aus der Verneinung des Existierenden
41
Wenn der Weise vom Dao erfährt, bemüht er sich, es zu verwirklichen
Der gewöhnliche Mensch ist mal begeistert, mal lässt er es wieder
Der Tor lacht darüber
Doch ohne dieses Lachen wäre das Dao nicht es selbst
Nicht umsonst heißt es:
Wer von Licht und Geist erfüllt ist, wirkt seltsam
Wer den klaren Weg sieht, wirkt wie verirrt
Wer geistige Höhen erreicht hat, wirkt wie erniedrigt
Wer von hoher Reinheit ist, wirkt in den Augen der Menschen wie verdorben
Es gibt viele Beispiele für diesen Widerspruch:
Die höchste Fülle ruft unwillkürlich das Gefühl des Mangels hervor
Wie oft wird in der höchsten Tugend Betrug vermutet!
In der Wandelbarkeit der Welt ist es schwer, die sichere Wahrheit zu finden
Das Große geht über die gewöhnlichen Grenzen der Wahrnehmung hinaus:
Die Ecken des großen Quadrats lassen sich nicht bestimmen
Das große Geschenk erfordert langes Warten und kommt nur selten
Die Ohren hören den allzu starken Klang nicht
Das große Bild des Dao hat keine klare Gestalt
Es ist namenlos und verbirgt sich wie die Luft vor unseren Augen
Und doch schafft das Dao alle Anfänge der Welt
und führt alle Prozesse in ihr zur Vollendung
42
Das Dao ist ungeteilt und trägt die Einheit der Welt
In der Einheit eines jeden Dinges aber finden wir bei näherer Betrachtung
zwei einander ausschließende Strebungen
zwei polare Qualitäten, die ständig ineinander übergehen
Und es gibt eine dritte Kraft, die diese Wandlung hervorbringt
Diese Dreiheit bestimmt den Atem der Welt
und die Grundlage aller Dinge
Jedes Wesen trägt in sich die Eigenschaften von Yin und Yang
und mit Hilfe der Lebenskraft Qi
wird die Harmonie ihrer Verbindung geschaffen –
die Harmonie des Teilens, die Freude an Gerechtigkeit und Einklang
was wir Dui nennen
Alle Menschen, die Unglück und Not überwinden
versuchen zumindest in den Augen anderer glücklich zu erscheinen
Sie mögen es nicht, als Versager bezeichnet zu werden
Doch die Mächtigen, die Glück und Reichtum besitzen
nennen sich absichtlich «arm» oder «erfolglos»
So strebt das Erniedrigte danach, sich zu erheben
während das Erhabene zur Selbsterniedrigung neigt
Wer durch Gewalt seine Stellung erreicht hat
fürchtet Gewalt gegen sich selbst
«Die harten Lektionen des Lebens werden mich vieles lehren –
und das Gleiche wird mir die Welt erwidern»
Hierin liegt die Bedeutung dieser Spiegelung
43
Mit der Zeit überwindet das Nachgiebige das Harte
Und das Stofflose
dringt ein in das, was keinen Raum hat
Der Weise, der dies versteht
zieht Nutzen aus dem Nicht-Tun
Seine Lehre ist wortlos
Doch selten ist einer in der Welt
der dieses Prinzip annimmt
und es sich zur Lebensweise macht
44
Was ist dem Körper näher: Der Name oder das Leben?
Was ist wertvoller: Das Leben oder all der angesammelte Besitz?
Ist es nicht so, dass das Erwerben
schwerer ist als das Überwinden eines Verlustes?
Je größer der Ruhm und der Schatz
desto größer wird bald der Fall sein
Je mehr Gefühle und Emotionen das Leben aufnehmen
desto härter wird die Abrechnung
Nur wer das Maß wahrt
vermeidet erfolgreich Schande und Not
und verlängert sein Leben um lange Zeit
45
Was nahe der Grenze geschieht, gleicht der Drehung eines rollenden Rades:
Das Gesicht der vollkommenen Makellosigkeit wirkt an der Grenze wie lasterhaft
Die unerschöpfliche Fülle schließt sich im Grenzbereich mit der Leere zusammen
Große Kunst wirkt ungeschickt, zerbrechlich und einfach
Ein stammelnder Satz ist im Bemühen um Genauigkeit zu vernehmen
Die Worte großer Wahrheit dringen in das Paradoxon ein
Man weiß, dass Bewegung die Kälte besiegt
und in der Ruhe findet man ein Mittel gegen übermäßige Hitze
Wenn die Welt ein geheimnisvolles Rätsel in unser emotionales Wirrwarr bringt
dann entzündet die Ruhe im klaren Denken das Licht für sein Verständnis
