0
Äðóãèå çàïèñè çà ýòî ÷èñëî:
2026/01/23 - ÿ ë³öåìºðíîº òðºïëî ãîë³ìîº ôóôëî áàçàð ìîé âñº áëÿ äºêëàðàöü³
2026/01/23_2 - ñºì'ÿ çàéîáàííîñòü ðàáîòà
2026/01/23_3 - Dao De Ching Italian 3
<< ïðåäûäóùàÿ çàìåòêàñëåäóþùàÿ çàìåòêà >>
23 ÿíâàðÿ 2026
Dao De Ching German 2

Dao De Ching
老子,「道德經」(ru) Þëèÿ Ïîëåæàåâà http://lib.ru/POECHIN/lao5.txt
ANT (adaptation is not translation) anti©; beta test, corrections are welcomed

https://skymon.binoniq.net/2019/10/31_1 he
https://skymon.binoniq.net/2019/11/01 ua
https://skymon.binoniq.net/2019/11/01_1 en
https://skymon.binoniq.net/2025/04/08 or
https://skymon.binoniq.net/2025/04/19 or c
https://skymon.binoniq.net/2025/04/08_1 lb
https://skymon.binoniq.net/2020/01/31 fa
https://skymon.binoniq.net/2020/03/31 am
https://skymon.binoniq.net/2020/10/28_1 es
https://skymon.binoniq.net/2020/10/16_2 it
https://skymon.binoniq.net/2026/01/23_3 it3
https://skymon.binoniq.net/2021/01/05_1 de 1
https://skymon.binoniq.net/2021/02/27 ur
https://skymon.binoniq.net/2021/03/15_2 tr
https://skymon.binoniq.net/2020/09/25_1 zh
https://skymon.binoniq.net/2025/04/30_2 zh ai
https://skymon.binoniq.net/2025/04/30_1 hi
https://skymon.binoniq.net/2025/04/30 mi
https://skymon.binoniq.net/2023/01/06 fr
https://skymon.binoniq.net/2023/02/07_1 pl
https://skymon.binoniq.net/2025/03/31 el
https://skymon.binoniq.net/2026/01/10 sw
https://skymon.binoniq.net/2026/06/12_2 ne
https://skymon.binoniq.net/2024/02/13_1 no
https://skymon.binoniq.net/2022/10/20 en>hu
https://skymon.binoniq.net/2022/10/20_1 he>hu
https://skymon.binoniq.net/2022/10/20_2 ua>hu
https://skymon.binoniq.net/2022/10/20_3 ru>hu
https://skymon.binoniq.net/2026/08/03_2 fi
https://skymon.binoniq.net/2023/03/09_1 be
https://skymon.binoniq.net/2025/09/04_1 Miao De Ching
https://skymon.binoniq.net/2025/09/04_2 Dao De Miao

1 (1-30 de https://skymon.binoniq.net/2026/08/12)

Was sich sagen lässt, ist nicht das Wahre
Was benannt wird, ist nicht das Eine

Namenlos ist der Ursprung
von Himmel und Erde

Benannt ist die Mutter
aller Dinge

Beides entspringt derselben Wurzel
doch trägt ein anderes Gesicht

Gemeinsam nennen wir es tief
Tiefer noch:
das Tor zum Wunder

Im Freisein von Begehren
enthüllt sich das Wesen

Wer begehrt
sieht nur die Formen

Formen wechseln
Das Wesen bleibt

Der Weg vom Wort
zur Sache selbst
ist der Weg des Dao

2

Gut und schlecht
entstehen durch Benennung

Indem wir etwas nennen
geben wir ihm Maß und Grenze

Schönes gibt es nur
wo Hässliches mitgedacht ist

Leben verstehen wir
erst am Nicht-Leben.

Lang und kurz
erscheinen nur im Verhältnis

Tief wird erkannt
indem Hoches entsteht

Ein Ton braucht den andern
damit Klang wird

So folgen einander
Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit

Darum wirkt der Weise
durch Nicht-Tun

Er lehrt ohne Worte
und ordnet ohne Zwang

Er schafft
und hält nicht fest

Er setzt Bewegung frei
immer wieder
ohne sich einzumischen.

Wandlung geschieht
ohne Mühe

Vollendung tritt ein
ohne Stolz

So verliert er
weder Achtung
noch Liebe

3

Würde Wissen nicht geehrt
entstünde kein Wettstreit ums Recht

Würden Kostbarkeiten nicht reizen
gäbe es keinen Diebstahl

Wäre kein begehrtes Objekt
vor aller Augen
was könnte die Herzen beunruhigen?

Darum ordnet der Weise
ohne zu verhärten

Er sorgt für Nahrung und Kleidung
und entzieht dem Begehren den Boden

Er dämpft Ziele
kühlt die Leidenschaften
schwächt den Zwang des Wollens

Wer weiß
missbrauche das Wissen nicht gegen das Volk

Denn nur Nicht-Eingreifen
bewahrt die Ruhe

4

Das Dao lässt sich kaum bestimmen

Ohne Körper
ist es Ursprung aller Dinge

Leer —
und wirkt doch unerschöpflich

Formlos —
und birgt doch alle Form

Tief —
und Ursache aller Erscheinung

Nichts lässt sich ihm gleichstellen
Alles Seiende
ist Staub neben ihm

Sein Leuchten
seine Klarheit
seine Erschütterung
gleichen nur dem Chaos

Es geht allem Anfang voraus

Wer es schuf —
ich weiß es nicht

5

Himmel und Erde
kennen kein Mitleid

Natur folgt keinem menschlichen Maß

Sie ändert ihren Lauf nicht
aus Schonung
für Leidende

So geht auch der Weise
mit der Natur
und achtet das natürliche Leben des Volkes
ohne sich auf Menschlichkeit zu berufen

Manches wirkt nur durch Leere

Eine Flöte
Ein Blasebalg

Je größer die Leere
desto freier die Bewegung

Je mehr Bewegung
desto größer der Nutzen

So ist auch der Raum
zwischen Himmel und Erde:

wunderbar
durch seine Leere

Darüber zu reden
ist müßig

Maß zu halten
ist in allem nützlich

6

Wer den Ursprung von Himmel und Erde sucht
stößt auf ein Tor –
den Grund des Seins

Tief im Tor
liegen die Wurzeln des ersten Werdens
Jenseits des Tores:
Nichts

Das Tor ist der Übergang
vom »Vielleicht« zum »Es ist«
ein zeitloser, unaufhörlicher Akt des Entstehens

Aus dem Nichts
ergießt sich grenzenlose Vielfalt der Anwendung
ein Wirken
wie ein Faden
der sich zieht
und niemals reißt

7

Weil Himmel und Erde
sich nicht um sich selbst sorgen
währt ihre Zeit ohne Ende

So handelt auch der Weise:
Wer sein Leben nicht festhält
lebt länger
Wer zuletzt gehen will
geht voran
Wer Verlust nicht fürchtet
findet Glück

Wer nicht an sich haftet
dem bleibt das Glück treu

8

Wasser ist das höchste Gleichnis der Würde

Es nützt allen
und sucht die Stille
Es streitet nicht um Rang oder Ehre
und verweilt gern dort
wo niemand sein will

Sieh ins Wasser –
du erkennst dein Gesicht
Sein Fließen
gleicht dem Strom des Dao

So folgt der Weise
dem Wunsch seines Herzens:
freundlich zu allen
wohnend in Einfachheit

Wahrhaftig im Wort
ruhig im Lenken
entscheidend zur rechten Zeit
nehmend nur, was seiner Kraft entspricht

Nachgiebig wie Wasser
dem Schweigen zugewandt –
so gehen Irrtum und Unheil
an ihm vorüber

9

Wisse, wann es genug ist

Kein Gefäß
lässt sich über den Rand füllen
Übermaß an Reichtum
lässt sich nicht bewahren
Eine allzu scharfe Klinge
stumpft schnell ab

Maßlose Eitelkeit
in Besitz oder Rang
ruft Unheil ins Haus

Gehen zu können
wenn das Werk vollendet ist –
das ist
das Gesetz des natürlichen Weges

10

Wenn du mit dir selbst in Einklang bist
mit Leib und Seele
und die Einheit nicht verlierst

wenn du im Stillen des Atems
wieder wirst wie ein Neugeborenes

wenn du dein Schauen klärst
und frei wirst von Verirrung

wenn du die Menschen schlicht liebst
und, an der Spitze deines Landes
ohne List regierst

wenn du wie die ewige Mutter
Leben gibst und Tod
ohne Anhaften

wenn du die Welt umfassen kannst
ohne dich zu verlieren –

dann nähre und lehre
sorge und gebäre
erschaffe, ohne zu besitzen

Handle, ohne Lohn zu erwarten
Führe, ohne Herrschaft zu beanspruchen

So erkennst du
die Gnade des De

11

Was nützt ein Rad
ohne das Loch für die Achse?

Der Krug ist aus Ton
doch brauchbar ist seine Leere

Je größer der Raum im Haus
desto freier und angenehmer das Wohnen

So erschafft die Leere den Nutzen
und das Gefüllte schafft Besitz und Ertrag

12

Zu viele Farben schwächen die Augen
Zu laute Klänge betäuben das Ohr
Zu viele Geschmäcke stumpfen das Fühlen ab

Das Herz mit Vergnügen zu reizen
ist eine leere Mühe

Übermäßige Begierden
stören das ruhige Leben
Aus Schätzen entstehen die meisten Verbrechen

Der Weise bleibt von Schmuck unberührt
Er denkt lieber an Nahrung

13

Lob und Tadel
beunruhigen gleichermaßen

Je mehr du dich selbst bewertest
desto größer wird deine Angst

Du fürchtest den Verlust deines Namens
und fürchtest Menschen, wenn du fällst

Wer sich selbst wenig Gewicht gibt
den berühren fremde Meinungen kaum

Wer sich über die Welt erhebt
macht sich nur abhängiger von ihr

Wer jedoch sein Leben
dem Dienst an anderen widmet
gewinnt die Welt
durch Vertrauen und Liebe

Denn die Welt überlässt sich dem
der sich nicht von ihr trennt

14

Die Sinne setzen Grenzen
in der Erkenntnis des Dao:

Es ist nicht hörbar –
jenseits des Klangs
Nicht sichtbar –
jenseits des Sehens
Nicht tastbar –
jenseits der Berührung

Eins
nicht zu definieren
durch Lehre oder Wissenschaft

Sein Aufstieg bringt kein Licht
sein Fall keine Dunkelheit

Das Namenlose ist beständig
und kehrt immer wieder ins Nichtsein zurück

Form ohne Form
Bild ohne Inhalt –
unklar, verschwommen
alle Namen sind hilflos

Wer vor ihm steht, sieht kein Gesicht
Wer ihm folgt, findet keine Spur

Sein Gesetz verbindet alle Zeiten
Wer ihm folgt
versteht die Gegenwart
und erkennt den Ursprung der Welt

Dieses Gesetz
heißt der ewige Faden des Dao

15

Die Menschen des alten Dao
drangen so tief
in das Wesen der Dinge ein
dass Unkundige sie kaum verstehen konnten

Darum beschreibe ich nur ihr Verhalten
das ihren Blick auf die Welt zeigte:

Vorsichtig wie jemand
der über Eis einen Fluss überquert
Wachsam
als stünde ein Angriff bevor

Einfach wie unbearbeitetes Holz
Höflich wie ein Gast
Zart wie Eis im Frühling
Achtsam wie ein Haus
das einen Geliebten erwartet

Undurchdringlich
wie Schlamm, der vom Berg herabstürzt

Unverstanden von anderen
doch fähig, Unklares zu klären

Im Nicht-Handeln verweilend
führten sie andere zum Gelingen

Fest im Dao
maßvoll in Wünschen
zufrieden mit Wenigem

Sie lebten im Frieden mit Armut
und strebten nicht danach
Neues zu erschaffen

16

Bewahre das Bewusstsein
in vollkommener Ruhe
so gelange ich
an die Grenze der Leere

Wortlos beobachte ich
wie die Dinge
im Aufbruch des Lebens erblühen
und langsam
zu ihrem Ursprung zurückkehren

Zur Ruhe
Zur Leere

So ist das Los von allem

Dieser ewige Kreislauf
heißt Beständigkeit

Sie zu erkennen
ist Erleuchtung
Sie zu missachten
führt ins Dunkel

Wer die Beständigkeit annimmt
erkennt darin
die Gerechtigkeit der Natur

Dieses Gesetz
das die Welt lenkt
ist das Einzige
was nicht vergeht:

Ohne Körper
dem Tod bestimmt
dauert das Dasein des Dao
ohne Ende

17

Nicht vertrauenswürdig ist
wer dem Volk nicht vertraut
Er regiert am schlechtesten
und alle verachten ihn

Ein wenig besser
ist, wer durch Furcht regiert

Mehr erreicht
wer mit Liebe
und Achtung führt

Doch der beste Herrscher
ist kaum bekannt

Er hält keine Reden
er zeigt sich nicht

Ist das Werk vollbracht
das Ziel erreicht
sagen die Menschen nur:
„Es geschah von selbst“

18

Wenn der Mensch
den Dao-Weg in sich verliert
erzwingt die Gesellschaft
Gesetz und Ordnung von außen

Kann einer nicht mehr
nach seinem Gewissen leben
tritt ihm Pflicht entgegen:
zivil und familiär

Wo der schlaue Verstand
Prinzipien erfindet
entstehen Heuchelei
und Widerstand

In Familien voller Streit
spricht man oft von Pflicht

In Ländern ohne Ordnung
fordert man Loyalität
und Gesetzestreue

19

Gäbe es
keine Gelehrsamkeit
kein Wissen
wären die Menschen
hundertfach glücklicher

Gäbe es
keine Spezialisten
und keine Händler des Profits
gäbe es
keinen Boden für Verbrechen

Gäbe es
keine Moralgesetze
und auferlegten Normen
kehrten die Menschen zurück
zur Harmonie der Familie

All dies sagt nur eines:

Für den Weisen
ist Einfachheit der rechte Weg

Unbehauenes Holz
Ungefärbtes Tuch

Ego loslassen
Begehren aufgeben

20

Zu allen Zeiten
leidet der Weise
an der Weisheit

Ist der Schritt
zwischen Achtung und Verachtung
wirklich so groß?
Ist der Unterschied
zwischen Gut und Böse
so klar?

Wer Furcht erzeugt
lebt selbst in Angst

Allein
mitten im Fest
wandle ich ziellos umher
nehme Eindrücke auf
zerstreut

Wie ein Neugeborenes
blicke ich staunend in die Welt
ohne zu suchen
ohne Erwartung

Wo ist das Haus
in dem ich Frieden finde?
Ich hoffe kaum
ihm je nahezukommen

Hilflos treibe ich
wie ein kleines Blatt
im Strom

Wohlstand zu sichern
ist aller Ziel
Ich allein
bleibe abseits

Töricht!
Ich habe nichts vorzuweisen
Man hält mich für einfältig

Die anderen
haben zu allem Meinungen
sind sicher
ohne Zweifel

Nur ich
wandle im Dunkel
Tag und Nacht

Unwissend von Kindheit an
verstehe ich nicht
was allen klar ist

Wie träumend
liege ich
auf dem Grund
des Meeres des Lebens

Alle Menschen
glänzen vor Fähigkeiten,
streben nach Ziel und Erfolg

Nur ich
ziellos wie eine Welle
nutzlos schwankend

Ich teile
die gewöhnlichen Geschäfte der Welt nicht
Ich nähre mich allein
an der Brust
der Mutter Natur

21

Das Dao setzt die Grenze des De
Aus dem Dao geht De hervor
und folgt ihm zurück

Das Dao selbst
ist dunkel und wundersam
und auch in seinem Wirken
liegt das Wunder

Unklar und unbestimmt —
doch in seiner Tiefe
verbergen sich die Bilder aller Dinge

Dunkel und verhüllt —
doch in seiner Verborgenheit
ist der Sinn des Lebens bewahrt

Unfassbar und schwarz —
doch in dieser Nacht
liegen die Keime des Seins

Ein möglicher Funke der Wirklichkeit
In ihm hat alles Natürliche
seine Deutung

Von der Ferne der Zeit
bis in unsere Tage
versuchte man, es zu erklären
ihm einen Namen zu geben
es verständlicher, weniger fremd zu machen —
als Werkzeug des Erkennens
für den Ursprung aller Dinge

Woher weiß ich
dass es so ist?
Aus diesem selbst

22

Das Unvollkommene
bewahrt den Keim der Vollendung

Das Krumme
wird gerade

Nur das Leere
kann gefüllt werden

Das Alte
öffnet den Weg zur Erneuerung

Mangel
trägt die Möglichkeit des Gewinns

Überfluss
trägt die Nähe des Verlustes

So vereinen sich Gegensätze
zu einem Ganzen

Dieses Bild
nimmt der Weise
als Maß seines Handelns

Er stellt sich nicht zur Schau —
und ist doch sichtbar

Er beharrt nicht —
und ist im Recht

Er rühmt sich nicht —
und sein Weg wird Vorbild

Er empfängt Macht —
und ist nicht stolz

Er streitet nicht —
darum gibt es keinen
der ihn verdrängen könnte

Ist also das alte Wort nicht wahr:
Das Unvollkommene
bewahrt das Vollkommene
?

Nimm die Wandlung an
als Rückkehr
zu deiner Vollendung

23

Ein Morgensturm
währt nicht lange
Ein starker Regen
hört bald auf

So spricht die Natur
mit sparsamen Worten

Was dann vom Menschen
der sich nicht einmal bemüht
ihr gleichzukommen?

Sollte er nicht
seine Worte hüten
und über das Wesentliche
wenig sagen?

Wer sein Leben
als Dienst am Dao begreift
steht fest auf dem Weg —
und der Weg bestätigt ihn

Wer sein Leben
als Dienst am De versteht
wird selbst zur Tugend —
und begegnet der Freude

Wer das Leben
als Weg des Verlustes sieht
trägt die Schuld am Verlust
selbst
und findet keinen Ausweg

So heißt es seit alten Zeiten:
Jedem wird gegeben
nach seinem Vertrauen

24

Wer auf den Zehen steht
steht nicht fest

Wer zu große Schritte macht
kommt nicht weit

Wer sich zur Schau stellt
findet keine Anerkennung

Wer sich selbst lobt
erlangt keinen Ruhm

Wer angreift
erreicht keinen Erfolg

Wer stolz ist
führt niemanden

Alles Lebendige
meidet das Überflüssige
und die Unruhe

Willst du im Einklang
mit dem Dao leben —
so meide auch du sie

25

Es gibt etwas
ungeformt und vollkommen
geboren vor Himmel und Erde

Still
Leer
Allein

Es steht für sich
und verändert sich nicht
Es bewegt sich unaufhörlich
und verliert nichts

Es durchdringt alle Dinge
und gebiert alles Seiende

Seinen Namen kenne ich nicht
Ich bezeichne es mit dem Zeichen: Dao

Muss ich ihm einen Namen geben
nenne ich es: das Große

Groß sein heißt:
fern sein
Fern sein heißt:
zurückkehren

Das Große kehrt zurück —
und entzieht sich erneut dem Verstehen

Wie könnte also
ein kleines erkennendes Wesen
das Unermessliche ganz begreifen?

Darum heißt es:
Dao ist groß
Der Himmel ist groß
Die Erde ist groß
Auch der Mensch ist groß

Vier Große gibt es im All
Und der Mensch ist einer von ihnen

Der Mensch folgt der Erde
Die Erde folgt dem Himmel
Der Himmel folgt dem Dao
Das Dao folgt sich selbst

26

Das Schwere
ist die Wurzel des Leichten
Die Ruhe
ist Herrin der Bewegung

Darum verliert der Weise
auch wenn er Wunder auf dem Weg erblickt
sein Gepäck nicht aus den Augen

Kein prachtvoller Anblick
verführt ihn dazu
die Last abzuwerfen
und vorauszueilen

So soll auch der Herrscher bedenken:
Geringschätzung des Volkes
führt zum Scheitern

Die Ruhe des Volkes
ist die Wurzel starker Herrschaft

Wohin will ein Herrscher gehen
wenn er sich von der Wurzel trennt?

Wer Siege und Erfolge
nur für sich sammelt
entleert ihren Sinn

In leerer Hast
verliert man leicht die Macht

27

Der beste Wanderer
hinterlässt keine Spuren

Der beste Sprecher
erklärt sich nicht

Der vollkommene Plan
hat keinen Plan

Wenn der Weise verbindet
gebraucht er kein Seil —
und doch lässt sich die Bindung
in tausend Jahren nicht lösen

Wenn der Weise Türen schließt
braucht er kein Schloss —
und kein Schlüssel vermag sie zu öffnen

Darum lebt der Weise
mit offenen Türen

Er begegnet allen
mit Vertrauen und offenem Herzen

Wer auch kommt
findet keine Abweisung:
ob Mensch in Not oder im Zweifel
ob Wesen oder Tier —
niemand geht ohne Hilfe fort

So lehrt er jene
die lernen wollen
und gewinnt dabei selbst
Freude und Achtung

Doch bindet er sich nicht
an seine Schüler
und auch der Schüler
soll dem Lehrer
nicht zu viel Verehrung geben

Denn Wissen ohne Irrtum
ist eine reiche Quelle
der Verstrickung und Torheit

Dies als Wahrheit zu erkennen
genügt

28

Wer das Männliche kennt
das Weibliche aber bewahrt
wird zum Tal der Welt

Als Tal der Welt
verlässt ihn die Kraft des Dao nicht
und er kehrt zurück
zum Zustand des Neugeborenen

Wer das Helle kennt
das Dunkle aber bewahrt
wird zum Maß der Welt

Als Maß der Welt
weicht er nicht vom Dao ab
und kehrt zurück
zur ursprünglichen Einfachheit

Wer Ruhm kennt
die Niedrigkeit aber bewahrt
wird zum Grund der Welt

Als Grund der Welt
ist seine Tugend vollkommen
und er kehrt zurück
zum ungeformten Holz

Das ungeformte Holz
lässt sich teilen
und wird zu Werkzeugen

Der Weise gebraucht sie
ohne zu zerschneiden

Darum bleibt das Große
ungespalten

29

Die Welt ist ein heiliges Gefäß
Man kann sie nicht ergreifen

Wer sie ergreifen will
verdirbt sie
Wer sie festhalten will
verliert sie

Denn manches geht voran
manches folgt
Manches ist stark
manches schwach
Manches wird aufgebaut
manches zerfällt

Darum meidet der Weise
das Zuviel
das Zuvor
das Extreme

30

Wer Herrscher berät
im Sinne des Dao
rät nicht zum Gebrauch von Gewalt

Denn Gewalt
kehrt immer zurück

Wo Heere lagerten
wächst Dornenkraut
Auf Kriegszüge
folgen Jahre
von Hunger und Elend

Darum siegt der Weise
nur aus Notwendigkeit

Er erreicht sein Ziel
und geht nicht weiter

Er siegt
ohne Stolz
Er siegt
ohne Ruhm
Er siegt
ohne sich zu rühmen

Er siegt
weil er nicht anders kann

Wer durch Gewalt erstarkt
verliert früh seine Kraft

Dies widerspricht dem Dao —
und was dem Dao widerspricht
endet bald

31

Die Waffe des Krieges – welch unheilvolles Zeichen
sie gebiert Furcht und Hass in den Menschen
Sie ist der rechten Hand zugeordnet –
wer das Dao versteht, hasst es, eine Waffe zu halten

Im Frieden gibt der Weise dem Herrscher Rat
mit der linken Hand die Ruhe zu bewahren
Doch wenn der Feind sich naht in dunklen Tagen
darf er der rechten Hand die Macht gewähren

Im Frieden ehrt man die Linke
im Kampf die Rechte
Die Linke mahnt an gute, friedliche Tage
die Rechte ist ein Zeichen dunkler Vorahnung

Die Waffe des Krieges – welch unheilvolles Zeichen!
Der weise Herrscher greift zu ihr
nur im äußersten Fall, wenn es keine Wahl gibt
Bewahrt er seine Fassung, siegt er
doch ohne Freude, ohne Feier

Wer könnte Grund zum Feiern sehn
in dem, was Tod und Leid gebracht?
Wer Siege feiert, findet kein Verständnis
beim Volk, das seine Toten beklagt

Wenn der Herrscher die Siegesparade hält
stehen die hohen Offiziere rechts
die niederen Ränge links
Diese Verteilung der Ehrenplätze
gleicht der des Trauerrituals:
Denn die Opfer des Krieges rufen nur Schmerz und Bitterkeit hervor –
die Sieger stehen wie bei einer Totenwache

32

Das Dao gleicht dem natürlichen, ungeteilten Holz –
unbenennbar, unzerteilbar in seinem Wesen
Denn selbst in seiner kleinsten Erscheinung
steht es nicht in Unterordnung zum Ganzen
es ist sich selbst gleich, in nichts geringer

Könnte man dieses Prinzip statt aller Herrschaft
in der menschlichen Gesellschaft verwirklichen
dann bräuchte es keinen Zwang mehr:
Jeder sähe des Anderen Nutzen als den eigenen
das Volk fände Glück in der Selbstbestimmung
Nicht Reis, sondern Honigtau würde man von den Feldern sammeln
Himmel und Erde verschmölzen in ekstatischer Vereinigung...

Doch ach, dieser Traum ist schön – und bleibt vergebens
Die Menschen haben eine andere Ordnung angenommen
deren Grundlage die Unterscheidung ist
die Trennung von Eigenschaften und Merkmalen
und deren Krönung die Namen sind

Alles trägt seinen Namen mit seiner Definition
steht in Beziehung und Vergleich zu anderem –
wie zwischen polierten, lackierten Holzstücken
die zur Zierde dienen
sieht man nun die Unterschiede der Wesenheiten

Das Benennen und Unterscheiden
ist den Menschen im Alltag nützlich
und für ihre Praxis wichtig
Doch es droht die Gefahr, das Gefühl der Einheit zu verlieren
Darum ist es gut, die Grenzen im Erfinden neuer Worte zu kennen:
Alles, was in Worten verschieden scheint, ist im Wesentlichen Eines

Verschiedene Flüsse fließen getrennt in ihren Tälern –
doch folgst du ihrem Lauf bis zum Meer
erkennst du, dass es in Wirklichkeit keine Trennung gibt
sondern nur ein einziges Wasser

So ist auch das Dao – in unzähligen Erscheinungen bleibt es
für immer das Eine, Ganze

33

Kennst du die geheime Saite in der Seele des anderen – bist du weise
Verstehst du die dunklen Seiten deines Herzens – bist du erleuchtet

Kennst du den Geschmack des Sieges – bist du ein starker Held
Doch doppelt stark bist du, wenn du dich selbst besiegen kannst

Bist du zufrieden mit dir und deinem Los – bist du reich
Doch stärke deinen Geist, dass er standhalte für neue Erfolge

Verlierst du dein Ziel nicht auf langem Weg –
so werden auch deine Jahre lang sein
Und stirbst du, doch bleibst du nicht vergessen –
so bleibt nicht dein Leib, doch deine Seele für Jahrtausende

34

Dem Fluss gleich, der sich über die Ufer ergießt
ist das Dao – keine Grenzen, keine Richtung
kein Links und kein Rechts
Die zehntausend Wesen, die nicht einmal wissen, dass es existiert
sie werden aus ihm geboren und kehren zu ihm zurück
Es erschafft alles Lebendige und Leblose
erwartet nichts dafür zurück
Es nährt die Welt mit schöpferischer Kraft
ohne jemanden zur Unterwerfung zu zwingen

Es hat keinen eigenen Willen, keine Selbstsucht –
was im öffentlichen Bewusstsein oft
als Bedeutungslosigkeit oder Armut gilt
Doch sein Antlitz ist arglos
Das Dao umfängt die ganze Welt
nimmt alle auf, ohne jemanden abzuweisen
Es denkt nicht an sich als den großen Herrn –
und gibt uns so ein Beispiel wahrer Größe

35

Dem Dao folgen, Unheil vermeiden –
alles bewegt sich ewig in der Suche nach Frieden
Doch wo der Reisende Speise und Freude findet
dort hält er unwillkürlich inne

Zwar ist das Dao selbst keine Speise
und mit Geschmack, Aussehen oder Klang nicht zu fassen
Doch wer lernt, aus ihm Freude zu schöpfen
dem wird diese Quelle nie versiegen

36

Was du zusammendrücken willst, musst du zuvor ausdehnen
Was du schwächen willst, lass zuvor an Stärke gewinnen
Was du beseitigen willst, lass zuvor erblühen
Was du dir nehmen willst, gib es zuvor als Geschenk

Das ist die Weisheit, durch die die Schwäche
jede Stärke überwinden kann

Wie der Fisch die Tiefe des Wassers nicht verlassen darf
so darf der Staat seine Mittel nicht vor dem Volk offenbaren

37

Das Dao verharrt ewig im Nicht-Tun
doch nichts bleibt bei ihm ungetan
Könnten die Herrscher ebenso handeln
dann würde die Welt von selbst erblühen, wie es sein soll

Doch wenn jemand unzufrieden ist mit dem natürlichen Wandel
und in seinem Ehrgeiz auf überflüssigen Zusätzen besteht –
dann muss man dieses Streben unterbinden
und ihn zur schlichten Natürlichkeit zurückrufen

Die Natur ist namenlos und leidet nicht unter Begehren –
darum erreicht sie die vollkommene Stille
In der Abwesenheit persönlicher Wünsche
führt der wunderbare Weg zur Ruhe
Dann stellt sich von selbst die Ordnung ein
unter dem Himmel auf Erden

38

Je wahrhafter die guten Eigenschaften
desto weniger streben sie nach Erscheinung
Umso höher ist die Sittlichkeit
je weniger sie sich in absichtsvoller Geschäftigkeit zeigt

Aus diesen Überlegungen können wir
die uns bekannten Tugenden vergleichen:

Der Träger der höchsten Tugend (De) handelt nicht absichtlich –
er hat keine Ziele, tut nichts
und doch lässt er nichts Notwendiges ungetan

Die hohe Menschenliebe (Ren) handelt nach des Herzens Ruf –
und rechnet nicht mit menschlichem Dank

Das Streben nach «Gerechtigkeit» ist erfüllt vom Verlangen,
alles so einzurichten, dass es ihr entspricht

Die «Sitte» treibt alles Handeln in den Rahmen von Ritualen
und zwingt jene, die nicht freiwillig folgen

So sehen wir: Mit dem Verlust des Dao
bleibt uns die Tugend (De)
Mit dem Verlust der Tugend
bleibt die Hoffnung auf Menschlichkeit
Mit dem Verlust der Menschlichkeit
wird überall noch das Gesetz befolgt
Mit dem Verlust des Gesetzes
bleibt nur noch das Zeremoniell

Doch das Ritual ist die leere Hülle des Glaubens
Wenn die Idee zur bloßen Blüte entartet
ist das der Anfang von Unwissenheit und Torheit
und das Vorzeichen naher Verwirrung

Darum wählt der Weise nicht die Hülle, sondern den Inhalt
Er bevorzugt nicht die Blüten, sondern die Früchte

39

Alles, was seit jeher besteht, strebt nach Ganzheit:
Der Himmel strebt nach Reinheit und Leere
die Erde nach Stabilität und Festigkeit
das Wasser fließt und füllt die Adern der Ströme
und jedes Lebewesen müht sich, neue Generationen hervorzubringen

Auch der Herrscher bewahrt die Ganzheit des Staates
indem er dem Volk ein Beispiel vollkommener Eigenschaften gibt

Der Verlust der Ganzheit aber führt stets zur Gefahr:
So zerreißt die Gewitterwolke den Himmel in Stücke
so kann die Erde im Erdbeben zerbersten
so versiegen die Flussbetten in der Wüste
so verschwindet jede Art, wenn sie nicht neues Leben zeugt

Wenn der Herrscher dem Volk nicht auf sittlicher Höhe erscheint
dann ist seine Herrschaft in Gefahr zu stürzen
Denn das Niedrige ist stets die Grundlage des Hohen –
der Halt des Volkes stärkt jede Obrigkeit
Hat der Herrscher nicht Grund, sein Volk zu achten?

Wenn der Herrscher sich selbst «nichtig» und «arm» nennt
so sucht er vielleicht auf diese Weise
Unterstützung und Mitgefühl beim Volk
Doch das ist ein falscher Weg, der ihn eher in Gefahr bringt
seine Würde vor den Augen des Volkes zu verlieren

Bedenke: Wenn du den Wagen zerlegst
kannst du auf den Einzelteilen nicht fahren
Denn jedes Ding ist nur in seiner Ganzheit nützlich
mit dem richtigen Verhältnis seiner Teile

Darum: Falle nicht in den Fallstrick der Selbstüberhebung
halte dich nicht für kostbaren Jade
Doch halte dich auch nicht für wertlosen Kieselstein

40

Die Bewegung des Dao kommt aus der Verneinung
In der Schwäche liegt der Motor des Kreislaufs

Aller Dinge Entstehung kommt aus dem Sein
doch die Erscheinung des Seins selbst
kommt aus der Verneinung des Existierenden

41

Wenn der Weise vom Dao erfährt, bemüht er sich, es zu verwirklichen
Der gewöhnliche Mensch ist mal begeistert, mal lässt er es wieder
Der Tor lacht darüber
Doch ohne dieses Lachen wäre das Dao nicht es selbst

Nicht umsonst heißt es:
Wer von Licht und Geist erfüllt ist, wirkt seltsam
Wer den klaren Weg sieht, wirkt wie verirrt
Wer geistige Höhen erreicht hat, wirkt wie erniedrigt
Wer von hoher Reinheit ist, wirkt in den Augen der Menschen wie verdorben

Es gibt viele Beispiele für diesen Widerspruch:
Die höchste Fülle ruft unwillkürlich das Gefühl des Mangels hervor
Wie oft wird in der höchsten Tugend Betrug vermutet!
In der Wandelbarkeit der Welt ist es schwer, die sichere Wahrheit zu finden

Das Große geht über die gewöhnlichen Grenzen der Wahrnehmung hinaus:
Die Ecken des großen Quadrats lassen sich nicht bestimmen
Das große Geschenk erfordert langes Warten und kommt nur selten
Die Ohren hören den allzu starken Klang nicht
Das große Bild des Dao hat keine klare Gestalt
Es ist namenlos und verbirgt sich wie die Luft vor unseren Augen

Und doch schafft das Dao alle Anfänge der Welt
und führt alle Prozesse in ihr zur Vollendung

42

Das Dao ist ungeteilt und trägt die Einheit der Welt
In der Einheit eines jeden Dinges aber finden wir bei näherer Betrachtung
zwei einander ausschließende Strebungen
zwei polare Qualitäten, die ständig ineinander übergehen
Und es gibt eine dritte Kraft, die diese Wandlung hervorbringt

Diese Dreiheit bestimmt den Atem der Welt
und die Grundlage aller Dinge
Jedes Wesen trägt in sich die Eigenschaften von Yin und Yang
und mit Hilfe der Lebenskraft Qi
wird die Harmonie ihrer Verbindung geschaffen –
die Harmonie des Teilens, die Freude an Gerechtigkeit und Einklang
was wir Dui nennen

Alle Menschen, die Unglück und Not überwinden
versuchen zumindest in den Augen anderer glücklich zu erscheinen
Sie mögen es nicht, als Versager bezeichnet zu werden
Doch die Mächtigen, die Glück und Reichtum besitzen
nennen sich absichtlich «arm» oder «erfolglos»

So strebt das Erniedrigte danach, sich zu erheben
während das Erhabene zur Selbsterniedrigung neigt
Wer durch Gewalt seine Stellung erreicht hat
fürchtet Gewalt gegen sich selbst
«Die harten Lektionen des Lebens werden mich vieles lehren –
und das Gleiche wird mir die Welt erwidern»
Hierin liegt die Bedeutung dieser Spiegelung

43

Mit der Zeit überwindet das Nachgiebige das Harte
Und das Stofflose
dringt ein in das, was keinen Raum hat
Der Weise, der dies versteht
zieht Nutzen aus dem Nicht-Tun
Seine Lehre ist wortlos
Doch selten ist einer in der Welt
der dieses Prinzip annimmt
und es sich zur Lebensweise macht

44

Was ist dem Körper näher: Der Name oder das Leben?
Was ist wertvoller: Das Leben oder all der angesammelte Besitz?
Ist es nicht so, dass das Erwerben
schwerer ist als das Überwinden eines Verlustes?

Je größer der Ruhm und der Schatz
desto größer wird bald der Fall sein
Je mehr Gefühle und Emotionen das Leben aufnehmen
desto härter wird die Abrechnung

Nur wer das Maß wahrt
vermeidet erfolgreich Schande und Not
und verlängert sein Leben um lange Zeit

45

Was nahe der Grenze geschieht, gleicht der Drehung eines rollenden Rades:
Das Gesicht der vollkommenen Makellosigkeit wirkt an der Grenze wie lasterhaft
Die unerschöpfliche Fülle schließt sich im Grenzbereich mit der Leere zusammen
Große Kunst wirkt ungeschickt, zerbrechlich und einfach
Ein stammelnder Satz ist im Bemühen um Genauigkeit zu vernehmen
Die Worte großer Wahrheit dringen in das Paradoxon ein

Man weiß, dass Bewegung die Kälte besiegt
und in der Ruhe findet man ein Mittel gegen übermäßige Hitze
Wenn die Welt ein geheimnisvolles Rätsel in unser emotionales Wirrwarr bringt
dann entzündet die Ruhe im klaren Denken das Licht für sein Verständnis

46

Wenn das Dao im Land verwirklicht wird
dann düngen die Pferde friedlich die Felder mit Mist
Wenn das Dao im Land vergessen wird
dann stürmen die Kampfrosse unter den Kriegern durch die Straßen

Grenzenlose Leidenschaften sind gefährlicher als Naturkatastrophen
Der Durst nach immer mehr Besitz ist zerstörerischer als jeder Verlust
Begierden ohne Maß sind schlimmer als Raub und Plünderung

Ewig glücklich ist nur der Mensch
der keinen Ertrag sucht
der über seinen Bedarf hinausgeht

47

Um die Welt zu erkennen, muss man nicht weit gehen
Wer weiter geht, weiß weniger –
denn das wahre Geheimnis ist im Hier und Jetzt
vor deinen Augen, greifbar nah, nur einen Schritt entfernt

Der Weise braucht nicht aus dem Fenster zu schauen
um den Weg des Himmels zu erfassen
Er braucht nicht den äußeren Anblick der Dinge
um ihnen die rechten Namen zu geben
Im vollkommenen Nicht-Tun vollendet er alles ohne Mühe

48

Wer lernt, vermehrt täglich seinen Wissensschatz
Wer dem Dao folgt, verliert täglich, was er angesammelt hat
bis er zur Notwendigkeit des Nichthandelns gelangt

So erreicht der Weise den Zustand des wahren Nicht-Tuns
Wahres Nicht-Tun lässt nichts unvollendet
Ohne Aktion und Verpflichtung besiegt es unaufdringlich die ganze Welt
Doch es ist vergeblich, auf diese Weise
seinen Willen anderen Menschen aufzwingen zu wollen

49

Im Herzen des Weisen finden sich keine festen, unveränderlichen Züge –
sie wandeln sich und reifen in der Begegnung mit jedem
dessen Seele er berührt

Den Guten begegnet er selbstverständlich mit Güte
Doch auch den Bösen begegnet er mit Güte –
so vollendet er die Güte in sich selbst

Denen, die Vertrauen verdienen, schenkt er Vertrauen
Doch auch denen, die es nicht verdienen, begegnet er mit Vertrauen –
so vollendet er die Reinheit seiner Seele

Aus den Seelen der Menschen sammelt er bald Juwelen, bald auch Abfall –
doch er unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse
Er blickt auf die Welt mit den Augen eines Kindes
ohne zu richten, ohne zu wählen
Alles schmilzt in seinem Herzen zusammen
und wird zur reinen Tugend (De)

50

Schon bei der Geburt, beim Eintritt in die Welt
beginnt die Zeit jedes Menschen zu verrinnen
Von zehn Menschen blühen nur drei in ihrer Lebensmitte
Drei weitere stehen bereits am Ende ihres Weges
Und die übrigen vier, noch im Strom des Lebens
beschleunigen nur ihre Annäherung an den Tod –
und warum? Weil sie zu sehr leben wollen

Doch es heißt:
Wer die letzte Erkenntnis des Lebens gefunden hat
dem gelingt es, Angriffen wilder Tiere zu entgehen
und den Waffen der Menschen
Auf seinem Körper findet das Horn des Nashorns keinen Angriffspunkt
die Klaue des Tigers keinen Halt
und der Angreifer kann mit dem Messer nicht eindringen –
denn der Tod findet keinen Eingang in ihn

51

Das Dao gebiert alle Dinge im Universum, unermüdlich
Das De (die Tugend) nährt sie, erzieht sie und bringt sie zur Vollendung
In der Stofflichkeit finden alle Dinge ihre Gestalt
in ihrer Umgebung und unter den Bedingungen der Entwicklung
liegt die Möglichkeit, Vollkommenheit zu erlangen

Darum folgt die Welt dem Dao
und jede Erscheinung des De findet Anerkennung und Respekt –
nicht durch Zwang oder Befehl
sondern weil der natürliche Lauf der Dinge so ist

Denn das Dao schenkt allem, was es erschafft
durch sein De Fürsorge, Pflege, Nahrung und Trost
und schützt es vor Feinden

Erschaffen, ohne zu besitzen
wirken, ohne stolz zu sein
lenken, ohne zu beherrschen oder zu verbieten –
das sind die Prinzipien, die der befolgen muss
der zum De gelangen will

52

Alles hat seinen Ursprung und seine Entwicklung in der Vergangenheit –
wir können dies als die Ursache eines jeden Dinges betrachten
Hat man die Ursachen verstanden
muss man ihre Erscheinung in den Folgen finden
Kennt man die Ergebnisse, sollte man die Ursachen nicht vergessen –
dann wirst du Gefahren stets vermeiden können

Jeder weiß: Wer seine Gefühle kühlt
und die Türen zur Außenwelt schließt
der wird ein Leben ohne Schwierigkeiten führen
Doch wer seinen Emotionen freien Lauf lässt
sich Verantwortung auflädt und in Sorgen verstrickt
der wird sich bis zum Tod nicht von seinen Problemen befreien können

Die Klarheit des Denkens hilft dir, die unscheinbaren Details zu erkennen
Mit der Kraft des Gedankens wirst du das Festhalten können,
was zu entgleiten droht
Erkenne die Natur und gebrauche das Licht der Vernunft –
so wirst du die Klarheit des Verständnisses zurückgewinnen
für die Einheit der Welt und das Wechselspiel ihrer Teile
Und du wirst weder dir noch anderen Schaden zufügen können.
Dies nennt man: «Die Beständigkeit bewahren»

53

Das Streben nach Erkenntnis führt zum großen Weg
Wer ihn betritt, wird seinen Pfad nicht verlieren
Nur wer selbst vom Weg abweicht, braucht sich zu fürchten
Der Weg des Dao ist breit und gerade, er schlängelt sich nicht
Doch die Menschen ziehen oft die schmalen Pfade vor.

Die Herrscher in ihren prächtigen Palästen
leben in Eitelkeit und bemerken nicht
dass die Felder ihres Landes von Unkraut überwuchert sind
und das Volk nicht genug Brot hat
Sie hängen sich mit Kostbarkeiten und Prunk und Schätzen
schwelgen in allerlei Genüssen und Vergnügungen
Nicht ohne Grund erregen sie Abscheu:
Man nennt sie Angeber und Plünderer
Dieses grobe, schlechte Verhalten widerspricht dem Dao

54

War der Bau der Mauer über Jahrhunderte hinweg
so ist es schwer, sie niederzureißen
Es ist nicht leicht, den festen Fesseln der Gewohnheit zu entkommen
Die Nachkommen ehren stets die Traditionen ihrer Vorfahren

Wahrlich, wahrhaftiges De besitzt nur der
der sich selbst zu vervollkommnen sucht
Im Überfluss an De lebt, wer seine Familie fördert
Wer seine Stadt verbessert, besitzt starkes De
Fruchtbares De hat, wer mit ihm sein Land gestaltet
Zum allgemeinen De strebt, wer es wagt, die ganze Welt zu heilen

Nur wenn du versuchst, eines dieser Gesetze zu verbessern
kannst du den Gegenstand deiner Fürsorge in vollem Maße erkennen

Wenn du deine eigene Grenze suchst
wirst du mit Leidenschaft in dich selbst blicken
Wenn du das Familienideal aufbaust
wirst du die Familie in einem neuen Licht sehen
Wenn du deine Stadt oder dein Land zu verbessern suchst
wirst du sie besser verstehen
Wenn du die Welt des Menschen verbessern willst
wirst du alles auf dem Planeten erkennen

Nur deshalb kenne ich das Wesen unserer ganzen Welt:
weil ich selbst diesen Weg des Dao gegangen bin

55

Wer das De erreicht hat, gleicht einem Neugeborenen
Das Kind wird von der Welt immer gesegnet
Raubtier und Vogel bewahren es instinktiv –
obwohl es klein und schwach ist, besitzt es eine besondere Lebenskraft
Das Kind ist uns ein Beispiel für Ganzheit und Vollkommenheit
Es kennt noch nicht das Geheimnis der Geschlechtervereinigung
und doch ist es den ganzen Tag voller Klang und niemals erschöpft –
es lebt in vollkommener Harmonie mit der Welt

Harmonie bedeutet für den Weisen: die Beständigkeit wahren.
Die Erkenntnis der Beständigkeit aber ist Erleuchtung

Ein Leben voller Abenteuer, Sorgen und Nöte
voll Streben nach Erfolg und Reichtum
gibt dem Menschen zwar Augenblicke des Glücks
doch es verbraucht dabei übermäßig seine Lebensenergie
So gut dieser Weg auch scheinen mag –
mit dem Dao hat er nichts zu tun
Nach üppiger, prächtiger Blüte folgt rasches Welken
Die Missachtung des Dao beschleunigt den Tod

56

Wer weiß, strebt nicht danach, zu erklären
Wer erklärt, versteht nicht, wovon er spricht

Wenn du es vermagst, deine Gefühle zu kühlen
die Türen zur Außenwelt zu schließen
dich von allen Neigungen zu lösen
die Schärfe der Sinne zu mildern
anstatt der Lebensblitze ein stilles Leuchten zu erreichen
und das eitle Schwanken der Gedanken zu stillen –
dann wirst du die geheimnisvolle Einheit mit der Welt erlangen

Der Weise, der dies erreicht hat, ist niemandes Freund oder Feind
Nichts ist ihm nah, nichts weist er zurück
Er tut weder Gutes noch Böses
Gleichgültig ist ihm Lob und Verachtung
Verlust und Gewinn materieller Güter
Und darum erweist ihm die ganze Welt ihre Ehrerbietung

57

Das Land wird durch die etablierte Ordnung regiert
Unkonventionelles Denken hilft dem Feldherrn, die Schlacht zu gewinnen
Doch die ganze Welt kann nur regieren
wer im Nicht-Tun verharrt

In der Tat: Die Vermehrung aller Arten von Verboten
führt gewöhnlich zur Zunahme der Armut
Je strenger die Obrigkeit die Verbote durchsetzt
desto mehr Waffen häufen sich an
und desto mehr Unruhen wachsen im Staat
Bildung zieht gefährliche Neuerungen nach sich
und je komplizierter die Gesetze und Verordnungen werden
desto raffinierter wird die Kriminalität erblühen

Ein weiser Herrscher bedenkt darum:
Wenn er schroffe Bewegungen vermeidet
wird alles sich von selbst zum Guten wenden
Alle Verzerrungen neigen dazu, sich von selbst zu korrigieren
Wenn der Machthaber die Ruhe bewahrt
haben die Menschen mehr Gelegenheit, sich zu bereichern
Wenn der Staat sie nicht behindert und nicht schwächt
dann kehrt das Volk, wenn der Herrscher seine Begierden zügelt
zur natürlichen Gesundheit zurück

58

Bei sanfter Macht sind die Bürger einfältig und aufrichtig
Strenge jedoch führt sie zur Falschheit

Das Glück hat seinen Keim im Unglück
und die Wurzeln des nächsten Unheils
verbergen sich im Erfolg
Wohin führt dieser endlose Kreislauf?
Alles Richtige wird sich unweigerlich ins Verkehrte kehren
Alles Gute ist dazu verurteilt, zum Fluch zu werden
Und die menschlichen Verblendungen, Irrtümer und Täuschungen sind ewig

Darum ist der weise Herrscher fest, aber nicht grausam
Er ist gerade und aufrichtig, doch versteht er die Schwächen der anderen
Er hält an der Moral fest, doch ist er fern von Intoleranz
Er ist zielstrebig, doch erreicht er sein Ziel um keinen Preis
Das Licht des Wissens blendet ihn in keinem Fall

59

Um die Menschen gemäß den Gesetzen der Natur zu regieren
muss der Herrscher in all seinen Handlungen Mäßigung zeigen
Indem er das Auftreten widersprüchlicher Ergebnisse vorhersieht
und negative Folgen zu vermeiden sucht
muss er in jeder Situation sein De stärken und vermehren
Dann wird seinem Tun kein Widerstand erwachsen
Dann wird jene Macht keine äußeren Beschränkungen kennen
die weise Mäßigung zu wahren vermag

Der Staat gleicht der Mutterschaft:
Er verbindet die vereinzelten Menschen zur Einheit
mit dem Ziel, den Fortbestand der Art zu sichern
Wenn der Herrscher dies begreift
übernimmt er die mütterliche Verantwortung auf seine Schultern
Dann hat seine Macht starke Wurzeln und Beständigkeit
Er wird in der Lage sein, das Leben der Welt zu verlängern
und die Zukunft zu durchschauen

60

Ein schmackhaftes Gericht aus kleinen Fischen zuzubereiten
erfordert große Mühe, Kunstfertigkeit und Geduld –
und ebenso verhält es sich mit der Staatsführung

Wenn der Herrscher in seiner Regierung danach strebt, das Dao zu wahren
dann werden die Geister der Hast, der Ungeduld
der Geringschätzung und Vernachlässigung der Einzelheiten
ihn nicht an der Vollendung seiner Aufgabe hindern
und ihn nicht vom rechten Weg abbringen
Und er selbst wird seinen Bürgern keinen Schaden zufügen –
vielmehr wird sein De mit dem De der Bürger
zu einem gemeinsamen De verschmelzen, das alle stärkt

61

Man weiß: Alle Wege führen nach Rom
Jedes große Königreich ist ein Ort der Sammlung –
wie die Strömungen unzähliger Bäche sich im Fluss vereinen
und ihr Wasser als ein Ganzes zum großen Ozean fließen

So sind auch die Menschen verschieden an Charakter und Verhalten
Doch wenn sie im Staat das Zentrum der Vereinigung finden
erschaffen sie dadurch einen einzigen Organismus

Das Königreich gleicht der Schwäche einer Frau:
Sie schenkt dem Äußeren ihre Aufmerksamkeit
beugt sich der männlichen Initiative und unterwirft sie durch ihre Nachgiebigkeit
Ihre Passivität ist eine aufnehmende Aktivität –
immer siegt die Schwäche über die männliche Kraft

Für ein großes Land genügt es im Umgang mit einem unruhigen, kleinen Nachbarn
passiv zu sein, um es mit der Zeit sanft aufzunehmen
Und wenn ein kleines Land sich einem großen ergibt
erhält es dafür neue Infrastruktur und Möglichkeiten
So oder so wächst die Gesamtgröße beider Nachbarn

Jeder gewinnt durch die Vereinigung:
Das große Land erhält neue Bürger
und die Menschen des kleinen Landes empfangen Möglichkeiten
die ihnen zuvor unbekannt waren
So erhält jeder, wonach er strebt
Die Nachgiebigkeit führt zur Größe

62

Das Dao stellt uns das verborgene Wesen aller Dinge dar –
es ist der Schatz der Tugend, der im Nicht-Guten seinen Halt findet

Wer würde freundliche Worte schätzen
und die Edelmut schöner Taten
wenn er nicht in sich selbst als Kontrast das Böse kennte?

Bei der prächtigen Ausfahrt aus dem Palast
begleitet von hohen Würdenträgern –
sollten wir da nicht lieber den Weisen schätzen
der bescheiden dasitzt und still das Dao erfasst?

Verehrten darum die Alten das Dao so sehr
weil sie in ihm das wahre Maß der Werte fanden?
Sie strebten nicht danach, Schätze anzuhäufen
und verloren nicht die Fähigkeit, die eigene Unvollkommenheit zu sehen
Ohne Gewalt suchten sie sie zu überwinden –
und so erhöhten sie das Dao im ganzen Reich

63

Bewahre das Nicht-Tun, ziehe die Stille vor
Empfinde Geschmack an dem, was geschmacklos ist
Finde im Wenigen das Viele, betrachte das Kleine als groß
Und mit heiterem De erwidere die zornigen Flüche

Beginne das Schwere, solange es noch im Keim ist
Beginne das Große aus winzigen Sprösslingen
Denn die komplizierten Probleme entstehen aus den geringfügigen Dingen
und der große Weg setzt sich aus kleinen Schritten zusammen

Der Weise hegt keine großen Pläne für sich –
darum verwirklicht er gerade das Große
Wer sich allzu leicht an eine Sache macht, wird sie bald verderben
Wer nur den leichten Weg sieht, wird die Schwierigkeiten finden
Doch der Weise ist in jeder Aufgabe auf Hindernisse gefasst –
darum begegnet er niemals einer unlösbaren Aufgabe

64

Was still und regungslos ist, lässt sich leicht bezwingen
Was noch unentschieden ist, lässt sich leicht ordnen
Was zerbrechlich ist, lässt sich leicht zermalmen
Kleine Stücke werden vom Wind schneller fortgetragen

Arbeite mit dem, was noch nicht erschienen ist
Bringe Ordnung, bevor du den Geist der Verwirrung erspürst
Die Eiche von zwei Klaftern Umfang wächst aus einer Eichel
Der große Turm beginnt mit einem Häufchen Erde
Und der Weg von vielen hundert Meilen
beginnt unter deinen eigenen Füßen

Wer aktiv eingreift, verdirbt die Sache.
Wer besitzen will, verliert
Wer am Rande des Erfolges hastet, wird die Niederlage erfahren
Der Weise handelt nicht, darum scheitert er nicht
Er besitzt nichts, darum verliert er nichts
Er drängt nicht danach, reicher zu werden

Am Ende seines Werkes, wie zu Beginn, bewahrt er die Achtsamkeit –
darum vollendet er sein Werk mit Erfolg und Vollkommenheit

Der Weise wünscht sich das Nicht-Wünschen
Er schätzt, was die Menge nicht schätzt
Er lernt das, was jenseits des Verstandes liegt
Er kehrt zurück zu dem, was die Menschen unbeachtet lassen
Indem er das Spontane und Natürliche aller Dinge unterstützt
wagt er es nicht, auf sie Einfluss zu nehmen

65

Jene Alten, die das Dao in Vollkommenheit erfassten
suchten das einfache Volk zu schützen
vor dem Wissen um die Handlungen der Obrigkeit
In Unwissenheit über die Methoden der Regierung ließen sie ihr Volk

Denn oft geht das Land zugrunde
wenn das Volk zu viel von der Regierung weiß
Im Gegenteil: Das Gedeihen des Landes sieht man dort
wo es ohne unnötige Öffentlichkeit und Neuerungen regiert wird

Ein Herrscher, der diesen Zusammenhang versteht
ist ein Beispiel für vernünftiges Denken
Um dieses Ideal zu verwirklichen
bedarf er der Stärkung durch die höchste Tugend (De)
Seine Fähigkeit, in die Tiefe und Breite zu denken, ist eine Offenbarung dieses De
So vermag er mit dem De in allem den Gegensatz zu sehen
und weiß, wie er die Einheit und Harmonie in die ganze Welt zurückbringt

66

Die Flüsse vermögen es, die Täler zu beherrschen –
nur weil sie sich bemühen, ihre Wasser nach unten fließen zu lassen

Wer eine hohe Stellung einnehmen will
muss von unten her mit dem Volk sprechen
Und wer der Erste sein will unter allen
muss sich demonstrativ hinter das Volk stellen

Wenn der Weise so handelt, auf diese Weise
dann wird er für niemanden zur Last, kein Joch auf fremden Nacken
Und selbst wenn er voranschreitet
steht er niemandem als Hindernis im Wege
Bereitwillig schieben die Menschen ihn nach vorne
und in ihren Nöten geben sie ihm keine Schuld

Der Weise kämpft mit niemandem –
darum hat er keinen würdigen Gegner in seinem Land

67

Kein Verhältnis währt ewig, nichts bleibt für immer
Was immer nach Maß und Vergleich strebt
verliert mit der Zeit den Wert seiner Messung
Und mit dem Maß wandelt sich die Haltung ins Gegenteil:
Was gering war, wird groß
und die Zeit mindert die Größe

Darum ist das große Dao unerschütterlich –
denn nichts in der wirklichen Welt kann ihm gleichkommen

Doch drei Dinge sind mir besonders wertvoll:
Die Hingabe in der Liebe, die den Mut schenkt – das ist das Erste
Das Nicht-Verschwenden, das zur Großzügigkeit führt – das ist das Zweite
Und die Bescheidenheit, die der Herrschaft den Respekt des Volkes bringt – das ist das Dritte

Wer die Harmonie verliert, verfehlt das Gleichgewicht der Gegensätze
Wer mehr Gewicht auf Großzügigkeit oder Tapferkeit legt
oder in der Befriedigung über seine Herrschaft die Bescheidenheit vergisst
den erwartet unweigerlich der Tod

Was im Kampf den Sieg bringt, ist die Liebe
Und in der Verteidigung schützt sie unüberwindbar
Wen die Liebe erfüllt – den bewahrt der Himmel

68

Der erfahrene Krieger hat keine Kampfeslust
Der furchtbare Held verliert nicht die Selbstbeherrschung
Der weise Stratege beginnt keine Schlacht auf dem Feld
Und der große Führer hält nicht inne vor seiner eigenen Demütigung
wenn er die Menschen unter seinen Einfluss bringen will

Das ist das Talent, ohne Gewalt zu siegen
Das ist die Kunst, mit Leichtigkeit zu lenken –
eine Verbindung mit dem Himmel, der Erde
und der unschätzbaren Erfahrung der Vorväter

69

Die Kunst des Krieges lehrt: «Bewahre die Möglichkeit der Bewegung»
Statt zu stehen und die «Gäste» zu empfangen, sei lieber selbst der Gast
Statt sich offen vorwärts zu bewegen, ist es besser, verborgen zurückzuweichen
Bewege die Truppen, ohne die Bewegung zu zeigen
Bereite dich vor, ohne die Vorbereitung preiszugeben
Und zwinge den Feind, ins Leere zu schlagen

All dies sind Mittel, ohne Kampf zu siegen

Doch es gibt nichts Gefährlicheres als den schwachen Feind:
Wenn der Sieg dir leicht und nah erscheint
vergisst du leicht die notwendigen Regeln
und verlierst, was dir wertvoll ist

Wenn zwei Armeen aufeinanderstoßen und der Kampf entbrennt,
wird derjenige siegen, der um den Kampf trauert

70

Mir scheint, ich spreche so einfach, und meine Absichten sind so klar –
doch ich begegne nirgends Verständnis

Das Problem ist:
Worte und Taten sind nur die äußeren Erscheinungen des Bewusstseins
Ihre Quellen aber sind die unerreichbaren, unsagbaren Bewegungen der Seele –
was keiner im anderen unmittelbar verstehen kann

Die Einzigartigkeit erhöht unseren Wert –
doch sie bringt auch Schwierigkeiten in die Beziehungen zwischen uns
Und der Weise trägt umsonst das Juwel in seinem Herzen:
Die Menschen sehen lieber nur die groben Unterschiede der Kleidung

71

Zu wissen, dass du nicht weißt – das ist große Errungenschaft
Nicht zu kennen die Grenzen des Wissens – das ist das Verderben
Nur durch das Leiden am Verständnis mindert sich der Schaden

Der Weise erkennt die Ursprünge möglicher Verstrickungen
und fällt darum niemals in Irrtümer und Fehler

72

Wenn man das Volk mit Gewalt zum Gehorsam zwingt
ruft man damit meist die entgegengesetzte Reaktion hervor:
Auf Unterdrückung antwortet das Volk mit Hass

Doch wenn die Führung nicht auf Angst gegründet ist
erreicht sie wahrhaft hohe Horizonte

Ein weiser Herrscher versteht die Macht der Führung
und stellt sie niemals zur Schau
Er verliert nicht seine Ehre, dürstet nicht nach Ergebenheit
verherrlicht sich nicht selbst
Statt des Tandems bevorzugt er die Wirksamkeit

73

Wer keine Furcht kennt und zu handeln wagt
verurteilt sich selbst und andere in den Tod
Doch wer in Bescheidenheit und Stille keine Furcht kennt
der wird andere retten und selbst nicht sterben

Beide werden von guten Absichten geleitet –
doch vom Himmel kann man keine Vorzugsbehandlung erwarten
Der Weise wird niemals wagen vorherzusagen
was an Gutem oder Bösem geschehen wird, welches Ergebnis kommen mag

Selbst der stärkste Held verliert gegen das Schicksal ohne Kampf
Das Schicksal kommt ohne Ruf und antwortet ohne Worte
Ohne Plan entfaltet es unsichtbare Netze –
niemand kann ihnen entgehen, niemand sie verhindern

74

Man sollte die Menschen nicht mit dem Tod erschrecken
Wenn das Volk keine Furcht kennt, sind Strafen sinnlos
Doch wenn die Bevölkerung den Tod fürchtet
und dennoch jemand das Gesetz brechen will
dann, um die Achtung vor Gesetz und Herrschaft nicht zu verlieren
musst du deine Drohung wahr machen:
Den Übertreter fassen, bestrafen und töten
Wirst du dich zu einer so harten Entscheidung durchringen?

Es gibt Einen, der stets die Entscheidungen trifft –
Er spricht das Urteil ohne Anklage
und führt es selbst zur Vollstreckung

Es ziemt sich nicht für einen Herrscher, das Beil zu ergreifen
und anstelle des Meisters des Todes zu richten
Er riskiert, sich an den eigenen Händen zu verletzen

75

Wenn die Menschen hungern wegen räuberischer Steuern Erpressung und Raub
dann führt solch stures Regieren zu Aufständen
Wenn das Volk nichts mehr zu verlieren hat
fürchtet es den Tod nicht und wird seine Zukunft ändern wollen
Denn ohnehin wird sein Leben von der Obrigkeit aufgefressen

Wenn ein Herrscher sein Leben übermäßig hoch schätzt
mindert er objektiv dessen Wert
Nur wer aufrichtig sich selbst zu vernachlässigen vermag
weiß, wie man aus seinem Leben etwas Kostbares macht

76

Der Mensch ist schwach, solange er lebt –
geschmeidig und weich, verletzlich und nachgiebig
Doch wenn die Zeit vergeht, werden alle weichen Züge
trocken und starr, wenn der Körper stirbt

Alle Wesen gehen denselben Weg:
Sie beginnen geschmeidig und schwach
und beenden ihren Weg als trockene Gebeine
So ist die Zartheit ein Attribut des Lebens
und die trockene Härte ein Zeichen des Todes

Schande und Schmach erwarten jede dumme Gewalt
Für jeden starken, harten Baum gibt es eine bereite Säge
Was hart und mächtig ist, fällt und sinkt
Und im Gegenteil: Geschmeidigkeit und Schwäche steigen auf und wachsen

77

Wenn der Bogenschütze die Sehne spannt
beugt er das obere Ende des Bogens herab
während das untere sich entsprechend hebt
Je stärker er die Sehne spannt und den Überschuss wählt
desto größer wird der Schwung der Hände
und desto gewaltiger die Kraft des gespannten Bogens von beiden Enden

Und so tut es auch das Dao:
Um die Welt wirksam zu lenken
verringert es allen Überschuss
und füllt den Mangel aus

Nur die Gewohnheiten der Menschen widersprechen dem Dao:
Sie nehmen von denen, die wenig haben
und geben denen, die ohnehin schon reich sind

Nur wer das Dao versteht
teilt gern seinen Überfluss mit der Welt
Doch der Weise erwartet von niemandem Hilfe
Er ist nicht stolz auf das, was er vollendet
und strebt nicht nach Anerkennung durch die Menschen

78

Nichts in der Welt ist nachgiebiger und weicher als das Wasser
Doch es vermag stets das Härteste und Festeste zu besiegen
Es wehrt den Schlag nicht ab
es nimmt jede Kraft auf, ohne eine Spur zu hinterlassen

Jeder weiß, dass das Schwache das Starke besiegt
und das Sanfte das Harte überwindet
Doch im Leben wenden es nur wenige an

Und vergeblich wiederholt der Weise:
Nur der Herrscher ist vollkommen, der sich wie ein Gott verhält
der die Schande des Landes ohne Zögern auf sich nimmt
der alle Nöte des Staates auf seine Schultern lädt
Doch diese paradoxe Wahrheit
wird als Lüge empfunden und nicht geglaubt

79

Wenn du deine Empörung zügeln musst
bleibt dennoch ein Groll in der Seele zurück
der sich unweigerlich einst in Böses verwandeln wird
Es frommt nichts, die Menschen zur Demut zu zwingen

Der Weise übernimmt lieber selbst Verpflichtungen
statt von anderen deren Erfüllung zu fordern
Wer das De besitzt, hält Vereinbarungen für wichtig
während andere nur nach Vorteilen und Rechten trachten

Das Dao ist ohne Vorlieben, es bevorzugt niemanden
Das Schicksal ist dem hold, der seine Pflicht erfüllt

80

Ein kleines Land – mein Traum so lind
die Menschen froh, den Nachbarn hold
mit ihrem Leben ganz zufrieden
den Tod sie fürchten, wie es gilt
und fremde Länder – kümmern nicht

Sie haben alles, was man braucht
doch Werkzeug wird nicht viel gebraucht
Zum Fahren haben sie Gespanne
zum Segeln Boote auf dem See –
doch keiner will hinaus auf Reisen

Zwar Waffen haben sie zur Ruh'
doch Eroberungslust – wozu?
Erfindungen – sie lassen's sein
der Weisen Lehren – rühren nicht
zur Väter Sitte kehren sie zurück

Einfache Speise schmeckt so süß,
selbstgewebtes Kleid – wie köstlich ist's!
Das Leben in den Häusern still
die Sitten, wie sie sind – ein Bild
von tiefer, stiller Harmonie

Nur einen Schritt zum Nachbarland
von dort der Hunde Bellen schallt
Ich geh nicht aus, ich kehr nicht ein
will viele Jahre friedlich sein
mit fremden Menschen – nicht vereint

81

Wahre, aufrichtige Rede ist niemals schön
Und schöne Worte sind nicht überzeugend

Die Würde zeigt sich nicht im Streit
Wer streitet, besitzt die Wahrheit nicht

Die Fähigkeit, die Wahrheit zu sehen, ist nicht an Gelehrsamkeit gebunden
Und wer alles zu wissen meint, hat in Wahrheit nichts verstanden

Wer töricht Wissen anhäuft, ist nicht weise
Doch der Weise: Je mehr er gibt, desto mehr gewinnt er an Weisheit

Wie das Dao des Himmels der Welt Leben schenkt, ohne Schaden zu bringen
so ist das Dao des Weisen: zu wirken und niemals in Streit zu geraten

<< ïðåäûäóùàÿ çàìåòêà ñëåäóþùàÿ çàìåòêà >>
Îñòàâèòü êîììåíòàðèé