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23 января 2026
Dao De Ching German 2

1

Was sich sagen lässt, ist nicht das Wahre
Was benannt wird, ist nicht das Eine

Namenlos ist der Ursprung
von Himmel und Erde

Benannt ist die Mutter
aller Dinge

Beides entspringt derselben Wurzel
doch trägt ein anderes Gesicht

Gemeinsam nennen wir es tief
Tiefer noch:
das Tor zum Wunder

Im Freisein von Begehren
enthüllt sich das Wesen

Wer begehrt
sieht nur die Formen

Formen wechseln
Das Wesen bleibt

Der Weg vom Wort
zur Sache selbst
ist der Weg des Dao

2

Gut und schlecht
entstehen durch Benennung

Indem wir etwas nennen
geben wir ihm Maß und Grenze

Schönes gibt es nur
wo Hässliches mitgedacht ist

Leben verstehen wir
erst am Nicht-Leben.

Lang und kurz
erscheinen nur im Verhältnis

Tief wird erkannt
indem Hoches entsteht

Ein Ton braucht den andern
damit Klang wird

So folgen einander
Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit

Darum wirkt der Weise
durch Nicht-Tun

Er lehrt ohne Worte
und ordnet ohne Zwang

Er schafft
und hält nicht fest

Er setzt Bewegung frei
immer wieder
ohne sich einzumischen.

Wandlung geschieht
ohne Mühe

Vollendung tritt ein
ohne Stolz

So verliert er
weder Achtung
noch Liebe

3

Würde Wissen nicht geehrt
entstünde kein Wettstreit ums Recht

Würden Kostbarkeiten nicht reizen
gäbe es keinen Diebstahl

Wäre kein begehrtes Objekt
vor aller Augen
was könnte die Herzen beunruhigen?

Darum ordnet der Weise
ohne zu verhärten

Er sorgt für Nahrung und Kleidung
und entzieht dem Begehren den Boden

Er dämpft Ziele
kühlt die Leidenschaften
schwächt den Zwang des Wollens

Wer weiß
missbrauche das Wissen nicht gegen das Volk

Denn nur Nicht-Eingreifen
bewahrt die Ruhe

4

Das Dao lässt sich kaum bestimmen

Ohne Körper
ist es Ursprung aller Dinge

Leer —
und wirkt doch unerschöpflich

Formlos —
und birgt doch alle Form

Tief —
und Ursache aller Erscheinung

Nichts lässt sich ihm gleichstellen
Alles Seiende
ist Staub neben ihm

Sein Leuchten
seine Klarheit
seine Erschütterung
gleichen nur dem Chaos

Es geht allem Anfang voraus

Wer es schuf —
ich weiß es nicht

5

Himmel und Erde
kennen kein Mitleid

Natur folgt keinem menschlichen Maß

Sie ändert ihren Lauf nicht
aus Schonung
für Leidende

So geht auch der Weise
mit der Natur
und achtet das natürliche Leben des Volkes
ohne sich auf Menschlichkeit zu berufen

Manches wirkt nur durch Leere

Eine Flöte
Ein Blasebalg

Je größer die Leere
desto freier die Bewegung

Je mehr Bewegung
desto größer der Nutzen

So ist auch der Raum
zwischen Himmel und Erde:

wunderbar
durch seine Leere

Darüber zu reden
ist müßig

Maß zu halten
ist in allem nützlich

6

Wer den Ursprung von Himmel und Erde sucht
stößt auf ein Tor –
den Grund des Seins

Tief im Tor
liegen die Wurzeln des ersten Werdens
Jenseits des Tores:
Nichts

Das Tor ist der Übergang
vom »Vielleicht« zum »Es ist«
ein zeitloser, unaufhörlicher Akt des Entstehens

Aus dem Nichts
ergießt sich grenzenlose Vielfalt der Anwendung
ein Wirken
wie ein Faden
der sich zieht
und niemals reißt

7

Weil Himmel und Erde
sich nicht um sich selbst sorgen
währt ihre Zeit ohne Ende

So handelt auch der Weise:
Wer sein Leben nicht festhält
lebt länger
Wer zuletzt gehen will
geht voran
Wer Verlust nicht fürchtet
findet Glück

Wer nicht an sich haftet
dem bleibt das Glück treu

8

Wasser ist das höchste Gleichnis der Würde

Es nützt allen
und sucht die Stille
Es streitet nicht um Rang oder Ehre
und verweilt gern dort
wo niemand sein will

Sieh ins Wasser –
du erkennst dein Gesicht
Sein Fließen
gleicht dem Strom des Dao

So folgt der Weise
dem Wunsch seines Herzens:
freundlich zu allen
wohnend in Einfachheit

Wahrhaftig im Wort
ruhig im Lenken
entscheidend zur rechten Zeit
nehmend nur, was seiner Kraft entspricht

Nachgiebig wie Wasser
dem Schweigen zugewandt –
so gehen Irrtum und Unheil
an ihm vorüber

9

Wisse, wann es genug ist

Kein Gefäß
lässt sich über den Rand füllen
Übermaß an Reichtum
lässt sich nicht bewahren
Eine allzu scharfe Klinge
stumpft schnell ab

Maßlose Eitelkeit
in Besitz oder Rang
ruft Unheil ins Haus

Gehen zu können
wenn das Werk vollendet ist –
das ist
das Gesetz des natürlichen Weges

10

Wenn du mit dir selbst in Einklang bist
mit Leib und Seele
und die Einheit nicht verlierst

wenn du im Stillen des Atems
wieder wirst wie ein Neugeborenes

wenn du dein Schauen klärst
und frei wirst von Verirrung

wenn du die Menschen schlicht liebst
und, an der Spitze deines Landes
ohne List regierst

wenn du wie die ewige Mutter
Leben gibst und Tod
ohne Anhaften

wenn du die Welt umfassen kannst
ohne dich zu verlieren –

dann nähre und lehre
sorge und gebäre
erschaffe, ohne zu besitzen

Handle, ohne Lohn zu erwarten
Führe, ohne Herrschaft zu beanspruchen

So erkennst du
die Gnade des De

11

Was nützt ein Rad
ohne das Loch für die Achse?

Der Krug ist aus Ton
doch brauchbar ist seine Leere

Je größer der Raum im Haus
desto freier und angenehmer das Wohnen

So erschafft die Leere den Nutzen
und das Gefüllte schafft Besitz und Ertrag

12

Zu viele Farben schwächen die Augen
Zu laute Klänge betäuben das Ohr
Zu viele Geschmäcke stumpfen das Fühlen ab

Das Herz mit Vergnügen zu reizen
ist eine leere Mühe

Übermäßige Begierden
stören das ruhige Leben
Aus Schätzen entstehen die meisten Verbrechen

Der Weise bleibt von Schmuck unberührt
Er denkt lieber an Nahrung

13

Lob und Tadel
beunruhigen gleichermaßen

Je mehr du dich selbst bewertest
desto größer wird deine Angst

Du fürchtest den Verlust deines Namens
und fürchtest Menschen, wenn du fällst

Wer sich selbst wenig Gewicht gibt
den berühren fremde Meinungen kaum

Wer sich über die Welt erhebt
macht sich nur abhängiger von ihr

Wer jedoch sein Leben
dem Dienst an anderen widmet
gewinnt die Welt
durch Vertrauen und Liebe

Denn die Welt überlässt sich dem
der sich nicht von ihr trennt

14

Die Sinne setzen Grenzen
in der Erkenntnis des Dao:

Es ist nicht hörbar –
jenseits des Klangs
Nicht sichtbar –
jenseits des Sehens
Nicht tastbar –
jenseits der Berührung

Eins
nicht zu definieren
durch Lehre oder Wissenschaft

Sein Aufstieg bringt kein Licht
sein Fall keine Dunkelheit

Das Namenlose ist beständig
und kehrt immer wieder ins Nichtsein zurück

Form ohne Form
Bild ohne Inhalt –
unklar, verschwommen
alle Namen sind hilflos

Wer vor ihm steht, sieht kein Gesicht
Wer ihm folgt, findet keine Spur

Sein Gesetz verbindet alle Zeiten
Wer ihm folgt
versteht die Gegenwart
und erkennt den Ursprung der Welt

Dieses Gesetz
heißt der ewige Faden des Dao

15

Die Menschen des alten Dao
drangen so tief
in das Wesen der Dinge ein
dass Unkundige sie kaum verstehen konnten

Darum beschreibe ich nur ihr Verhalten
das ihren Blick auf die Welt zeigte:

Vorsichtig wie jemand
der über Eis einen Fluss überquert
Wachsam
als stünde ein Angriff bevor

Einfach wie unbearbeitetes Holz
Höflich wie ein Gast
Zart wie Eis im Frühling
Achtsam wie ein Haus
das einen Geliebten erwartet

Undurchdringlich
wie Schlamm, der vom Berg herabstürzt

Unverstanden von anderen
doch fähig, Unklares zu klären

Im Nicht-Handeln verweilend
führten sie andere zum Gelingen

Fest im Dao
maßvoll in Wünschen
zufrieden mit Wenigem

Sie lebten im Frieden mit Armut
und strebten nicht danach
Neues zu erschaffen

16

Bewahre das Bewusstsein
in vollkommener Ruhe
so gelange ich
an die Grenze der Leere

Wortlos beobachte ich
wie die Dinge
im Aufbruch des Lebens erblühen
und langsam
zu ihrem Ursprung zurückkehren

Zur Ruhe
Zur Leere

So ist das Los von allem

Dieser ewige Kreislauf
heißt Beständigkeit

Sie zu erkennen
ist Erleuchtung
Sie zu missachten
führt ins Dunkel

Wer die Beständigkeit annimmt
erkennt darin
die Gerechtigkeit der Natur

Dieses Gesetz
das die Welt lenkt
ist das Einzige
was nicht vergeht:

Ohne Körper
dem Tod bestimmt
dauert das Dasein des Dao
ohne Ende

17

Nicht vertrauenswürdig ist
wer dem Volk nicht vertraut
Er regiert am schlechtesten
und alle verachten ihn

Ein wenig besser
ist, wer durch Furcht regiert

Mehr erreicht
wer mit Liebe
und Achtung führt

Doch der beste Herrscher
ist kaum bekannt

Er hält keine Reden
er zeigt sich nicht

Ist das Werk vollbracht
das Ziel erreicht
sagen die Menschen nur:
„Es geschah von selbst“

18

Wenn der Mensch
den Dao-Weg in sich verliert
erzwingt die Gesellschaft
Gesetz und Ordnung von außen

Kann einer nicht mehr
nach seinem Gewissen leben
tritt ihm Pflicht entgegen:
zivil und familiär

Wo der schlaue Verstand
Prinzipien erfindet
entstehen Heuchelei
und Widerstand

In Familien voller Streit
spricht man oft von Pflicht

In Ländern ohne Ordnung
fordert man Loyalität
und Gesetzestreue

19

Gäbe es
keine Gelehrsamkeit
kein Wissen
wären die Menschen
hundertfach glücklicher

Gäbe es
keine Spezialisten
und keine Händler des Profits
gäbe es
keinen Boden für Verbrechen

Gäbe es
keine Moralgesetze
und auferlegten Normen
kehrten die Menschen zurück
zur Harmonie der Familie

All dies sagt nur eines:

Für den Weisen
ist Einfachheit der rechte Weg

Unbehauenes Holz
Ungefärbtes Tuch

Ego loslassen
Begehren aufgeben

20

Zu allen Zeiten
leidet der Weise
an der Weisheit

Ist der Schritt
zwischen Achtung und Verachtung
wirklich so groß?
Ist der Unterschied
zwischen Gut und Böse
so klar?

Wer Furcht erzeugt
lebt selbst in Angst

Allein
mitten im Fest
wandle ich ziellos umher
nehme Eindrücke auf
zerstreut

Wie ein Neugeborenes
blicke ich staunend in die Welt
ohne zu suchen
ohne Erwartung

Wo ist das Haus
in dem ich Frieden finde?
Ich hoffe kaum
ihm je nahezukommen

Hilflos treibe ich
wie ein kleines Blatt
im Strom

Wohlstand zu sichern
ist aller Ziel
Ich allein
bleibe abseits

Töricht!
Ich habe nichts vorzuweisen
Man hält mich für einfältig

Die anderen
haben zu allem Meinungen
sind sicher
ohne Zweifel

Nur ich
wandle im Dunkel
Tag und Nacht

Unwissend von Kindheit an
verstehe ich nicht
was allen klar ist

Wie träumend
liege ich
auf dem Grund
des Meeres des Lebens

Alle Menschen
glänzen vor Fähigkeiten,
streben nach Ziel und Erfolg

Nur ich
ziellos wie eine Welle
nutzlos schwankend

Ich teile
die gewöhnlichen Geschäfte der Welt nicht
Ich nähre mich allein
an der Brust
der Mutter Natur

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